Bistum Münster: Katholischer Missbrauchsskandal erhält neue tragische Dimension – 610 Opfer ermittelt – steigen jetzt die Kirchenaustritte?

Desaströse Zustände im Bistum Münster. Der Missbrauch in der Katholischen Kirche und damit der des „göttlichen Bodenpersonals“ bekommt eine weitere traurige und tragische Dimension. Die Katholische Kirche gehört angeklagt und die Austrittswelle der bisherigen Mitglieder ist nur eine notwendige Konsequenz. Ein Verbleib in der Katholischen Kirche bedeutet indirekt die Duldung der Missbräuche. Die Opfer sind in den Fokus zu nehmen und nicht die katholischen Täter. Glauben können die Menschen auch ohne die mutmaßliche „kriminelle“ Institution Kirche.

Das Nachrichtenportal der Katholischen Kirche informiert auf seiner Internetseite ausführlich über die Ergebnisse des Münsteraner Missbrauchsgutachtens. Dieses belastet alle Diözesanbischöfe seit 1945. Bei der Vorstellung der Ergebnisse der unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchung des Historischen Seminars der Universität Münster offenbart, dass in der Amtszeit des derzeitigen Bischofs Felix Genn, der seit 2009 im Amt ist, wichtige Schritte unternommen worden seien, um die Missbrauchsaufarbeitung den kirchlichen und staatlichen Vorgaben anzupassen.

Seit einigen Jahren sei auch ein Übergang zu einer konsequenten Handhabung festzustellen. Dennoch habe aber auch Genn zu Beginn nicht immer angemessen gehandelt. „Bischof Genn brauchte eine längere Phase, um seiner Verantwortung auf dem Gebiet der Intervention und Prävention gerecht zu werden“, so die objektiven Forscher. Der Bischof habe selbst im Gespräch eingeräumt, dass er in den ersten Jahren seiner Amtszeit Beschuldigten gegenüber zu sehr als Seelsorger und zu wenig als Vorgesetzter agiert habe.

Das Verhalten erinnert an den Kölner Bischof Rainer Maria Kardinal Wölki, der immer noch in Amt und Würden ist. „Nichts geahnt zu haben, ist nicht mehr möglich“, äußerte Kardinal Wölki.

In den Amtszeiten der Bischöfe Michael Keller (1947-1961), Joseph Höffner (1962-1969), Heinrich Tenhumberg (1969-1979) und Reinhard Lettmann (1980-2008) sei es durchweg zu mangelndem Umgang mit Beschuldigten und „skandalvermeidendem und strafvereitelndem” Verhalten gekommen. In den 1945 beginnenden Untersuchungszeitraum fielen nur zehn Monate der Amtszeit von Kardinal Clemens August Graf von Galen (1933-1946). Auch in dieser Zeit war ein Fall festzustellen.

In insgesamt 140 Fällen gibt es den Forschern zufolge Belege, dass die Bischöfe persönlich in Kenntnis der Vorgänge waren. Dabei gab es aber Hinweise darauf, dass es in der Bistumsleitung eine Präferenz für mündliche Absprachen gegeben habe, so dass in vielen Fällen keine schriftlichen Belege für die jeweilige Kenntnis vorlägen.

Nach Ansicht der Forscher gibt es keine Hinweise darauf, dass die „sexuelle Revolution” der 1960er- und 1970er-Jahre einen Einfluss auf das Missbrauchsgeschehen gehabt habe, tatsächlich sei über die Zeit ein Rückgang der Fälle festzustellen. Regelmäßig gibt es den Forschern zufolge Belege dafür, dass Staatsanwaltschaften auch auf kirchliche Intervention hin großzügig gegenüber Beschuldigten agierten.

Unter anderem wird dabei auch dem Leiter des Katholischen Büros in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn, Prälat Wilhelm Böhler, vorgeworfen, auf eine Verfahrenseinstellung bei den Vorgesetzten des zuständigen Staatsanwalts hingewirkt zu haben. Der Leiter der Studie, der Historiker Thomas Großbölting, bezeichnete die Nachsicht der Behörden als „fatale Auswirkung der ‘hinkenden Trennung’ von Kirche und Staat” in Deutschland.

Neben Genn werden auch seinen Weihbischöfen Franz-Josef Overbeck (2007-2009) und Stefan Zekorn (seit 2011) Versäumnisse im Umgang mit Beschuldigten attestiert. Overbeck habe 2009 entschieden, den Fall eines beschuldigten Priesters nicht der Missbrauchskommission vorzulegen. Die Vorwürfe aus dem Jahr 1997 konnten so nicht vollständig aufgearbeitet werden. Mittlerweile gebe es im Bistum Münster aber deutliche Fortschritte. Nach Einschätzung der Forscher entspricht der heutige Umgang mit Missbrauch den Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Nach wie vor gebe es aber Mängel im Umgang mit Betroffenen, die gegenüber dem Forscherteam Kommunikationsschwierigkeiten mit Folgen bis hin zu Retraumatisierungen durch Ansprechpartner und Führungspersonal beklagten.

Die Untersuchung ist eine Hellfeldstudie und basiert auf Aktenbeständen des Bischöflichen Archivs und der bischöflichen Verwaltung sowie Interviews mit über 60 Betroffenen. Im Vergleich zur deutschlandweiten MHG-Missbrauchsstudie, die im Auftrag der DBK angefertigt wurde, sind die in den für die Münsteraner Studie zur Verfügung stehenden Quellen nachweisbaren Fälle um ein Drittel gestiegen.

Insgesamt wurden 196 Geistliche beschuldigt, davon 183 Priester, ein Diakon und zwölf Ordensbrüder. Daraus ergibt sich über den Untersuchungszeitraum ein Anteil von 4,17 Prozent aller Priester im Bistum Münster, die beschuldigt wurden. Bei 40 Prozent der Beschuldigten gibt es Hinweise auf Missbrauch von mehr als einer Person, 90 Prozent der Fälle hatten keine strafrechtlichen Konsequenzen. Die Studie konnte 610 Betroffene ermitteln. Die Forscher vermuten aber ein Dunkelfeld, das acht- bis zehnmal höher liegt.

Ob die katholische Kirche ein „Hotspot” sei, in dem Missbrauch besonders häufig vorkomme, könne die Studie nicht belegen, betonten die Forscher, da es an Studien zu anderen gesellschaftlichen Bereichen fehle. Das Bewusstsein für die Opfer von Gewalt und Missbrauch sei insbesondere in den 1950er-Jahren in der ganzen Gesellschaft gering ausgeprägt gewesen. Wohl aber könne man spezifisch katholische Ermöglichungsbedingungen feststellen.

In einer ersten Stellungnahme nach der Vorstellung der Studie sagte Genn, dass eine Bitte um Entschuldigung bei den Betroffenen nicht ausreiche. Mit dem Eingeständnis von Fehlern und ehrlicher Reue müsse auch eine Umkehr verbunden sein. Er wolle weitere Konsequenzen für den Umgang mit sexuellem Missbrauch ziehen und sich an dieser Verpflichtung auch messen lassen.

Die umfassende Aufarbeitung sei noch nicht am Ende. Als Bischof sei Genn Teil der Organisation, in der sexueller Missbrauch möglich war und aus der die Täter kommen und kamen. Daher hüte er sich davor, die Betroffenen zu vereinnahmen. Er wolle die Verantwortung für Fehler übernehmen, die er persönlich begangen hat. Als „Teil des Systems, das sexuellen Missbrauch möglich gemacht hat” habe er aber neben der persönlichen auch eine institutionelle Verantwortung. „Ich trage Mitverantwortung am Leid der Betroffenen“, so der Bischof.

Auch jetzt wird einmal deutlich, dass die Verantwortlichen keine persönlichen Konsequenzen ziehen. Die Opfer stehen ratlos da. Ihnen bleibt die Hoffnung, dass viele Menschen in Deutschland sich von der Katholischen Kirche abwenden. Dies kann der einzig richtige Weg sein, denn so verliert die Katholische Kirche an Macht und Einfluss.

Die Reputation der Katholischen Kirche ist sowieso dahin.


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