Das (vorerst) letzte Wort der Frauke Petry

Foto: Michael Lucan, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 de, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49518483

Das neue Buch der ehemaligen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry wird auf lange Sicht ihr letzter politischer Akt sein – in der vergangenen Woche räumte sie ihr Büro im Deutschen Bundestag. Insofern ist „Requiem für die AfD“ (so der Titel) auch ein Requiem auf die politische Person Frauke Petry. Bei dieser Gelegenheit teilt die 46jährige ein letztes Mal ordentlich aus. Außer ihrem Ehemann Marcus Pretzell und ihrem nibelungentreuen Geschäftsführer Uwe Wurlitzer kommt in ihrem Buch im Grunde niemand gut weg. Vielmehr handelt es sich um einen Rundumschlag gegen die etablierten Parteien, gegen die Presse, gegen linke Gewalt, gegen Karrieristen und Wendehälse in der AfD und gegen den formal aufgelösten „Flügel“.

Ein großer Teil des Buches wird allerdings von der Kritik an ihrem damaligen Co-Parteichef Bernd Lucke dominiert. Petry bemängelt dessen fehlendes Gespür für die Anhänger aus dem Osten und gleichzeitig seine autoritäre Parteiführung, mit der er seinen Vertrauensvorschuss innerhalb von zwei Jahren verspielt habe. Dass Petry ihren Konkurrenten zu Fall bringen wollte, bestreitet sie nicht. Sie tritt jedoch vehement der Behauptung entgegen, sie hätte sich dafür mit dem „klassische[n] Nationalsozialist[en]“ Björn Höcke verbündet. Stattdessen habe ausgerechnet Lucke in seiner letzten Rede dem Thüringer AfD-Vorsitzenden noch „Respekt und Anerkennung“ für dessen Politik-Stil ausgesprochen. Letztlich wird nie zu belegen sein, wer sich wie mit dem „Flügel“ arrangierte. Fest steht, dass sich mit Lucke und Petry zwei moderate Integrationsfiguren gegeneinander ausspielten und am Ende Andere als Sieger vom Platz gehen.

Die heutige AfD stellt für Frauke Petry eine politische Sackgasse dar. Sie mutmaßt, die Partei könne schon 2025 schon aus dem Bundestag verschwinden. Dagegen ließe sich angesichts der Entwicklung des bundesrepublikanischen Parteiensystems mutmaßen, dass die AfD das Lager rechts der Union noch auf Jahrzehnte an sich binden könnte. Bereits die Aussicht auf Posten und staatliche Gelder machen es unwahrscheinlich, dass eine einmal im Bundestag angekommene Partei innerhalb weniger Jahre völlig von der Bildfläche verschwinden könnte. Und selbst die nicht enden wollenden Eskapaden der AfD sind ihrer Stammwählerschaft offensichtlich völlig egal. Aber richtig ist: Die AfD hat keine Chance auf eine Zusammenarbeit mit den etablierten Parteien und somit absehbar keine Möglichkeit, an einer Regierung beteiligt zu werden. Sie hat zudem erhebliche Schwierigkeiten, Personal zu gewinnen, das daran etwas ändern könnte. Niemand, der Wert auf seine gesellschaftliche Anbindung legt, ob beruflich oder privat, wird sich freiwillig in die AfD-bedingte Isolation begeben. Das kann in einigen Regionen Ostdeutschlands anders aussehen, trifft aber im Westen ausnahmslos zu. Insofern ist Petrys Bild von der Sackgasse auf lange Sicht nicht von der Hand zu weisen.

Rein spekulativ ist hingegen ihre These, dass Jörg Meuthen bei der kommenden Neuwahl der Bundessprecher chancenlos wäre. Meuthen büßte zwar die Unterstützung des rechten Parteiflügels mit seiner öffentlich geäußerten Sorge um die Radikalisierung der Partei weitgehend ein; und richtig ist auch, dass eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz für einen Teil der heutigen Mitglieder eher Ansporn denn Hindernis ist. Aber wenn die Geschichte der AfD eine Konstante aufzeigt, dann die, dass eine emotionale „Wir-zusammen-gegen-das-Establishment“-Rede auf einem AfD-Parteitag mehr Zustimmung erzeugt als jahrelange konstruktive Parteiarbeit. Insofern ist auch für Meuthen weiterhin alles offen – falls er denn überhaupt entsprechende Ambitionen hegt.

 „Requiem für die AfD“ ist in einem autobiographischen Stil geschrieben und verfügt dadurch bedingt über eine immense Themenvielfalt. Diese ist auch die Schwäche des Buches. Hätte Petry sich auf wenige Punkte konzentriert, wäre das Buch nicht weniger interessant gewesen. In dem von ihr gewählten Autobiographie-Format überlässt Petry jedoch ausgerechnet den Medien, über welche Themen aus dem Buch sie berichten. Und wenig überraschend konzentrieren sich diese auf die möglicherweise justiziablen Vorwürfe gegen Meuthen und Weidel und die Spenden des schweizer Immobilien-Milliardärs Henning Conle. Spektakuläre Enthüllungen bietet das Buch indes dazu nicht. Die meisten Vorwürfe zu verdeckten Geldflüssen wurden bereits an anderer Stelle thematisiert, auch wenn Petry hier zweifelsohne eine bedeutende Zeugenrolle einnehmen könnte.

Dennoch handelt es sich um einen angenehm zu lesenden wie auch parteihistorisch wertvollen Beitrag. Die Tragik der „alten AfD“ von 2013 ist unter anderem, dass ihre Geschichte vor allem von erbitterten Gegnern und verbitterten Aussteigern wie der medial hochgejubelten Franziska Schreiber geschrieben wird (Petry bescheinigt ihr eine „überbordende Phantasie“). Denn das Bild des bürgerlichen Protestwählers, der wie in einem Zustand geistiger Umnachtung versehentlich in eine rechtsradikale Partei hineingeraten ist, die sich kurze Zeit demokratisch tarnte ­– dieses Bild wird den tausenden AfD-Mitgliedern, die sich in der Gründungsphase der Partei für eine liberalkonservative Wende einsetzten, nicht gerecht. Frauke Petrys Buch ist daher eine längst überfällige Richtigstellung:

„Wir waren normale Bürger und tragende Säulen dieses Staates, keine Verrückten oder Extremisten, aber wir wussten, dass wir unseren Lebensstil und unsere Überzeugungen nur vorwärts und ohne Angst vor der grassierenden politischen Korrektheit verteidigen konnte.“

Im Gegensatz zur Vielzahl populärwissenschaftlicher und häufig spekulativer Texte über die AfD kommt dem Buch von Frauke Petry ein zwar subjektiv geprägter, aber dennoch authentischer Charakter zu, da sie als Bundesvorsitzende in die bedeutendsten Entscheidungsprozesse eingebunden war. Sie muss auf niemanden Rücksicht nehmen und auch nicht die Maßgaben der Political Correctness befolgen. Um es plakativ zu formulieren: Geht es darum, sich ein authentisches Bild von der Gründungszeit der AfD zu machen, steht das Buch von Frauke Petry ganz oben – und dann kommt lange nichts.

Ein Gastbeitrag von Dr. Karsten D. Hoffmann (*1977). Der Hamburger Politikwissenschaftler beendete seine AfD-Mitgliedschaft kurz nach dem Austritt Frauke Petrys im Jahr 2017.


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