Der Hilferuf von Ahmad Massoud – Warum der Westen nicht weghören darf

Dana Guth

Die radikalislamische Terrormiliz “Taliban” hat Afghanistan trotz zwei Jahrzehnten der internationalen Anstrengungen wieder binnen Wochen (!) weitgehend unter ihre Gewalt gebracht. Die Szenen, die uns aus dem Land erreichen und die dramatischen Bilder vom Kabuler Flughafen machen betroffen. Hier fliehen Menschen um ihr Leben.

Wer nicht flieht, erlebt ein Land, das wieder zu einer Scharia-Diktatur zu werden droht. Wo Fortschritte bei Menschenrechten und die Grundzüge einer modernen Gesellschaft geschaffen wurden, droht die Barbarei der Taliban. Auf Marktplätzen werden bereits Menschen geteert und vorgeführt. Erschossene liegen auf den Straßen. Frauen, deren Knöchel beim Radfahren sichtbar sind, werden ausgepeitscht. Stellenweise geben sich die Taliban moderat, aber die Bilder aus dem Land beweisen: Es ist reine Täuschung.

Währenddessen im afghanischen Pandschir-Tal: Hier sammeln sich diejenigen, die das Land nicht kampflos an die Taliban abgeben wollen. Wo andere geflohen sind oder desertierten, wollen diese Menschen für die Freiheit ihres Landes und die Sicherheit der Menschen kämpfen. Sie wollen retten, wofür sich auch Deutschland zwei Jahrzehnte eingesetzt hat: Ein Afghanistan, das sich nicht dem radikalen Islamismus ergibt.

So ertönte Mitte dieser Woche ein Aufruf, der es bis in die Washington Post schaffte. Auch viele deutsche Zeitungen berichteten. Zu Wort meldete sich der Sohn des von Al-Qaida 2001 ermordeten Kämpfers und afghanischen Nationalhelden Schah Massoud. Dieser hatte so energisch gegen die Taliban der 90er gekämpft, dass er bis heute als „der Löwe von Pandschir“ bekannt ist. Ahmad Massoud will in die Fußstapfen seines Vaters treten und sammelt Kräfte für den Gegenschlag. Er schildert, dass man sich bereits bewaffnet hat und von dem afghanischen Vizepräsidenten und Angehörigen der regulären afghanischen Armee unterstützt wird. Viele Soldaten seien von der kamplosen Aufgabe ihrer Kommandeure entsetzt. Sie wollen gegen die Taliban kämpfen.

Massouds Worte sind ein bewegendes Zeugnis dessen, was auch Deutschland zwei Jahrzehnte mit aufgebaut hat und was nun vor dem Zusammenbruch steht. Massoud spricht von Millionen Afghanen, die die Werte teilen, für die sich der Westen eingesetzt hat: Ein Land, in dem Frauen Doktoren werden können, die Presse frei berichten darf und Menschen tanzen und Musik hören dürfen. Und er prognostiziert: Wenn die Taliban obsiegen, wird Afghanistan wieder ein Hort des internationalen Terrorismus.

Die Nachricht endet mit einem Hilferuf nach Unterstützung. Man werde die „letzte Bastion der Freiheit“ (das Pandschir-Tal) bis zum Schluss verteidigen, wohlwissend, was das bedeutet. Gleichzeitig ergeht die Bitte, den Widerstand gegen die Taliban mit Waffen, Munition und Versorgung zu unterstützen. Die Nachricht endet mit den Worten: „Ihr seid unsere einzige verbleibende Hoffnung“.

Ahmad Massoud, Foto: Von Hamid Mohammadi – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=89136894

Wir müssen uns angesichts der Lage Afghanistans fragen, wie wir, Deutschland, mit einem solchen Hilferuf umgehen. Unsere letzte Mission, mit der der Bundestag die Bundeswehr nach Afghanistan geschickt hat, hieß „Resolute Support“. Nun brauchen diejenigen, die für das eintreten, was wir als unsere Werte angepriesen haben, tatsächlich „resolute support“. Sie haben es mit Taliban zu tun, die zu allem Übel auch noch ganze Arsenale voller westlicher Militärausrüstung unter ihre Kontrolle bringen konnten.

Die Evakuierungsmission zur Rettung von Menschen ist wichtig und richtig. Gleichzeitig sollte sich Deutschland aber auch ohne Zögern entscheiden, diejenigen logistisch zu unterstützen, die den Mut haben, sich den Taliban entgegenzustellen. Das sind wir allen schuldig, die auf unsere Unterstützung vertraut haben und die unsere Werte teilen. Sie im Stich zu lassen, wäre ein unglaublicher Vertrauensverlust des Westens. Nicht nur in Afghanistan, sondern in der gesamten Welt.

Ein Gastbeitrag von Dana Guth. Sie ist Abgeordnete des Niedersächsischen Landtags für die LKR.


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