Falsche Arbeitszeugnisse: Eine Gefahr für die Allgemeinheit

Immer häufiger treffen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses vor dem Arbeitsgericht wieder: Sei es wegen noch ausstehender Gehaltszahlungen, fehlender Beförderungen oder eines – aus Sicht des Arbeitsnehmers – zu schlechtem Arbeitszeugnisses. Viele Arbeitnehmer fühlen sich falsch beurteilt und versuchen dann, im Rahmen von Klagen die Änderung des Zeugnisses zu ihren Gunsten zu erreichen. Vor Gericht wird dann der jeweilige Arbeitgeber nicht selten dazu verpflichtet, neben einer Abfindung auch ein wohlwollenderes Zeugnis auszustellen, obwohl die urteilenden Richter keine umfassenden Einblicke in die Arbeitswelt der klagenden Lohnempfänger hatten. Auch verhindert eine gerichtlich verordnete Änderung des Zeugnisses häufig, dass sich zukünftige neue Arbeitgeber umfassend auch über die Schwächen des Bewerbers informieren können.

Welche Auswirkungen es haben kann, wenn Arbeitgeber – auch aus Sorge vor späteren juristischen Auseinandersetzungen – so genannte Gefälligkeitszeugnisse ausschreiben, zeigt der Fall Nils Högel.

Der deutsche Serienmörder war von 1999 bis Mitte 2005 als Krankenpfleger in Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst tätig und beging dort zahlreiche Morde. Wie viele es genau waren, ist ungeklärt: Insgesamt 103 Taten hat der gebürtige Wilhelmshavener entweder selbst gestanden oder konnten ihm nachgewiesen werden. Darüber hinaus wurden 101 Patienten aus Delmenhorst, die während Högels Dienstzeit starben, feuerbestattet und deshalb auch nicht mehr auf Giftrückstände untersuchbar. Die Zahl der Morde, die Högel tatsächlich begangen haben könnte, ist möglicherweise also viel größer als bisher nachgewiesen.

Nachdem man im Klinikum Oldenburg erste Verdachtsmomente gegen Högel erhob, wollte man ihn loswerden. Aus Angst, in negative Schlagzeilen zu geraten, verzichtete die Klinikleitung darauf, die Polizei einzuschalten. Deshalb versuchten es die Vorgesetzten Högels mit dem „goldenen Handschlag“: Man verfasste dem Krankenpfleger ein Arbeitszeugnis, in dem ihm bescheinigt wurde, „umsichtig, gewissenhaft und selbständig“ gearbeitet und in „kritischen Situationen […] überlegt und sachlich richtig“ gehandelt zu haben. Die ihm übertragenen Aufgaben habe er zur „vollsten Zufriedenheit“ erledigt; er sei auf Grund „seiner Einsatzbereitschaft und seines kooperativen Verhaltens […] im Mitarbeiterkreis und bei Vorgesetzten beliebt und geschätzt” gewesen. Aus dem Klinikum sei er „auf eigenen Wunsch“ ausgeschieden. Das Arbeitsverhältnis endete offiziell zum 31.12.2002.

Anfang 2003 fing Högel am Klinikum Delmenhorst an. Das gute Arbeitszeugnis aus Oldenburg ebnete den Weg. Und das Morden ging weiter. Bis der Krankenpfleger 2005 eher zufällig auf frischer Tat ertappt wurde.


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