Französische Soldaten verübten am 20. Mai 1940 in Abbeville ein Massaker: Ehrung als Widerstandskämpfer

Jedes Jahr am 18. Juni legt der französische Staatspräsident am Mont Valerien, dem Soldatenfriedhof in der Nähe von Paris, einen Kranz nieder, um der Opfer des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Diese Zeremonie schließt auch das Gedenken an zwei französische Soldaten ein, die am 20. Mai 1940 in Abbeville ein grauenhaftes Massaker an 21 Europäern verübt haben. Es gibt nur wenige Schriften, die darüber berichten. 

An der Wand der Passage am Bourgoensche Cruyce in der belgischen Stadt Brügge ist eine sehr schön gestaltete Erinnerungstafel mit den Namen der Opfer zu sehen: Louis Caestecker (28), Joris van Severen (46), Jan Ryckoort (51), Maria Ceuterick (61). Was war geschehen, dass heute immer noch im belgischen Brügge am Jahrestag des Massakers der vier belgischen Einwohner gedacht wird, die diesem Morden zum Opfer gefallen sind? 

Als die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 ihren Feldzug über Belgien gegen Frankreich begann, wurden im Auftrag des belgischen Generalstaatsanwalts W. Ganshof van der Meersch mehrere Haftbefehle vollstreckt. Verdächtige Personen wie Kommunisten, belgische Nationalisten, Juden, vermutete deutsche und belgische Spione und Rexisten, Anhänger der wallonisch-faschistischen Bewegung, wurden verhaftet. Von ihnen kamen 79 Männer und Frauen ins Stadtgefängnis von Brügge, darunter 21 Belgier, 18 Juden unbekannter Nationalität, 14 Deutsche, sechs Niederländer, drei Luxemburger, neun Italiener, zwei Schweizer, ein Franzose, ein Spanier, ein Däne, ein Kanadier, „Bobby“ Robert Bell, Trainer der deutschen Eishockeynationalmannschaften, ein Österreicher sowie ein Tscheche. Sie wurden am 15. Mai 1940 in drei Omnibussen nach Abbeville transportiert, wo sie am 19. Mai ankamen. Sie mussten die Nacht vom 19. auf den 20. Mai im Keller des Tanzkasinos an der Porte du Bois verbringen.

Für 21 Geiseln kam jede Rettung zu spät

Inzwischen hatten sich deutsche Einheiten unter General Heinz Guderian, darunter die 57. Infanteriedivision unter Generalleutnant Oskar Blümm, der Kanalküste genähert und begonnen, Abbeville zu beschießen. Der Verteidiger von Abbeville, Capitaine Marcel Dingeon (1891–1941), meist von seiner Aufgabe als Offizier überfordert, oft betrunken, befürchtete, dass die deutschen Truppen die Gefangenen befreien würden und entschied sich für eine „schnelle Lösung“. Er erteilte dem Stabsfeldwebel der 5. Kompanie, François Molet (1898–1942), den mündlichen Befehl: „Fusiller les tous!“– „Alle erschießen!“

Molets direkter Vorgesetzter, Leutnant René Caron (1896–1942), vergewisserte sich und ging zu Dingeon, der, immer noch betrunken, erneut rief: „Erschieß sie alle!“ In Gruppen von vier Personen wurden die unglücklichen Zivilisten aus ihrem Kerker geholt. Manche wurden schon auf dem Weg zum Erschießungskommando misshandelt. Die damals 18jährige Gaby erinnerte sich Jahrzehnte später: „Der französische Soldat stach zweimal mit seinem Bajonett von hinten zu, dann hob er sein Gewehr und schlug meiner Großmutter mit aller Wucht den Schädel ein.“ Zufälligerweise fuhr der französische Leutnant Jean Leclabart vom 28. Regiment am Kasino vorbei und sah, was dort vor sich ging. Er kannte die Militärvorschriften und verlangte, den schriftlichen Befehl für die Hinrichtungen zu sehen. Da niemand einen solchen Befehl vorzeigen konnte, beendete er das Massaker mit dem Ausruf: „Mais enfin, êtes-vous devenu fou?“ – „Sind Sie verrückt geworden?“

Nach seinem Eingreifen wurden die überlebenden Gefangenen vom französischen Militär nach Rouen gebracht, das Ende Mai schließlich von der Infanteriedivision erobert wurde und wo sie bis nach dem Waffenstillstand zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich am 22. Juni 1940 blieben. Die Deutschen ließen die Leichen der ermordeten 21 Häftlinge auf dem städtischen Friedhof begraben.

Dem Täter wurde nach 1945 eine Straße gewidmet

Capitaine Dingeon, der die Hinrichtungen angeordnet hatte, war 1941 von der französischen Vichy-Regierung verurteilt worden, entzog sich aber der Hinrichtung durch Selbstmord am 21. Januar 1941. Die deutsche Militärjustiz eröffnete ein Ermittlungsverfahren und verurteilte die verantwortlichen französischen Soldaten, Leutnant Caron und Sergeant Molet, zum Tode. Das Urteil wurde am 7. April 1942 auf dem Mont Valerien, der Hinrichtungsstätte der deutschen Militärjustiz, vollstreckt. Der deutsche Gefängnispfarrer in Paris, Franz Stock, schreibt in seinem Tagebuch: „Dienstag 7.4.1942 bereite Molet und Caron auf den Tod vor. Haben beide gebeichtet und kommuniziert. Sollen verantwortlich sein für Erschießung von Internierten in Abbeville. Ils disent qu’ils ont obéi aux ordres. Sie sagen, sie haben auf höheren Befehl gehandelt.“

Die Stätte Mont Valerien dient nach Ende des Zweiten Weltkrieges als Gedenkort für die französischen Widerstandskämpfer. Auch für Kriegsverbrecher? Nach dem Krieg erhielt eine Straße in Abbeville den Namen rue du Lieutenant Caron. Die Anfrage nach dem Grund dieser Ehrung wurde von der Stadtverwaltung Abbeville nicht beantwortet.

Jahre später beerdigte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Leichen der deutschen Opfer auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Bourdon, Département Somme. Die sterblichen Überreste von Joris Van Severen und Jan Ryckoort wurden in einem Grab in Abbeville beigesetzt. Maria Ceuterick, Louis Caestecker und Lucien Monami fanden ihre letzte Ruhe auf dem belgischen Soldatenfriedhof von De Panne. Neun sterbliche Überreste wurden in einem Massengrab in Abbeville beerdigt. 

Ein Gastbeitrag von Dr. Hans-Jürger Wünschel. Der Historiker hat kürzlich das Buch “Ich klage an. Sozialismus” veröffentlicht, das bei Amazon erhältlich ist:


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