Impfen und Waffen: Deutsche Doppelstandards in Aktion

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Eine der “typisch deutschen” Eigenschaften der neueren Zeit ist die Erhebung des Doppelstandards zur Tugend. Wenn man bei vergleichbaren Sachverhalten auf zwei vollkommen unterschiedliche (moralische) Bewertungen kommt. Wenn, je nachdem, wie es gerade in die politische Landschaft passt oder in Abhängigkeit vom Zeitgeist, ein Risiko als gering und tolerierbar gilt oder ob angeblich dringender Handlungsbedarf besteht.

In einer Welt voller Anhänger einer faktengestützten Weltsicht gäbe es sicher keine Diskussion, ob z. B. eine Impfung gegen das Corona-Virus mehr schadet als nutzt. Man würde sich nicht durch spektakuläre, von geneigten Kreisen zur allgemeinen Gefahr hochdramatisierten Fälle von Impfschäden hysterisieren lassen. Jedenfalls nicht so lange, wie man als Bezugsgröße die Gesamtzahl der verimpften Dosen bzw. der Geimpften kennt. Erst dann ist man in der Lage, das tatsächliche Risiko einer Impfung in einer Quote auszudrücken und damit vergleichbar zu machen.

Das Robert-Koch-Institut erklärt zur Sicherheit von Covid-19-Impfstoffen:

Auch bei einem neuen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 ist es möglich, dass sehr seltene Nebenwirkungen (sehr selten heißt z.B. 1 Fall auf > 10.000 Geimpfte) erst im Verlauf der Surveillance erfasst werden.

https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/COVID-Impfen/FAQ_Liste_Wirksamkeit_Sicherheit.html

Das heißt, ein Impfrisiko von 0,01 Prozent ist tolerierbar, ein Verhältnis von einem wie auch immer gearteten Impfschaden pro 10.000 verabreichter Dosen bedeutet “sehr selten”. Ein Restrisiko im Bereich von einem Zehntel Promille ist vernachlässigbar.

Nun verlassen wir den Bereich der faktengestützten Weltsicht und begeben uns in die Niederung politischen Populismus, Alarmismus und Anlassgesetzgebung. Mit anderen Worten: Willkommen beim Waffenrecht! Hier gelten andere Maßstäbe und andere Standards.

Leider gibt es ein Problem: Im Land der Erbsenzähler und Dokumentationspflichten wird zwar alles mögliche statistisch erfasst und Tabellen mit Zahlen gefüllt, allerdings scheint man beim Thema “Schusswaffen” im Dunkeln zu tappen. Und das trotz dem Millionengrab “Nationales Waffenregister”, das auch nach zehn Jahren nicht in der Lage ist, belastbare Zahlen über die Anzahl von erlaubnispflichtigen, registrierten Schusswaffen in Deutschland zu liefern. So muss man sich bei den Studierenden des Master-Studiengangs “Journalismus” der Universität Leipzig bedanken, die in einer wahren Sisyphosarbeit eine belastbare Zahl ermittelt haben. Demnach waren per 31.12.2019 5,366 Millionen erlaubnispflichtige Schusswaffen bei den 541 Waffenbehörden registriert, die sich auf etwa 1,1 Millionen Waffenbesitzkarten-Inhaber verteilen. “Etwa” deshalb, weil Sachsen und einige Landkreise in anderen Bundesländern zur Anzahl der WBK-Inhaber keine Angaben machten.

Das nächste Problem: Seit einigen Jahren wird bei Straftaten mit Tatmittel “Schusswaffe” nicht mehr unterschieden, ob sich eine solche Tatwaffe legal oder illegal im Besitz des Täters befand. Hier kann man nur auf ältere Erhebungen zurückgreifen, wie z. B. auf den “Focus”-Artikel “Brennpunkt Waffenbesitz” in der Ausgabe 27/2011:

Private Waffenarsenale gelten als Problem für die öffentliche Sicherheit. Dabei stellen vor allem illegale Waffen eine große Gefahr dar

Zug um Zug gelten schärfere Kontrollen für die privaten Waffenarsenale. Ein großer Schritt steht 2012 an: Ein nationales Waffenregister soll zur Verfügung stehen. FOCUS hat im Vorfeld zusammengetragen, welche Zahlen die Bundesländer melden dürften. Das überraschende Ergebnis der Umfrage bei den Innenministerien: Die Deutschen besitzen weit weniger legale Schusswaffen als bisher angenommen. Hierzulande sind knapp 1,8 Millionen Waffenscheine und -besitzkarten ausgestellt. Auf ihnen sind etwa 6,4 Millionen Gewehre und Pistolen vermerkt. Bisher ging man von rund zehn Millionen legalen Privatwaffen aus. Den illegalen Anteil schätzen Behörden auf das Doppelte.

Bei 0,2 Prozent aller Straftaten sind Schusswaffen im Spiel. Nur in fünf Prozent dieser Fälle kamen legale Pistolen und Gewehre zum Einsatz.

http://www.focus.de/panorama/boulevard/brennpunkt-waffenbesitz_aid_642389.html

Dieser Anteil von fünf Prozent “Legalwaffen” an Straftaten mit Schusswaffenbeteiligung korrespondiert auch mit den Angaben aus einem Schreiben des damaligen Innenministers Dr. Hans-Peter Friedrich, in dem dieser eine entsprechende Anfrage des Verfassers an dessen damaligen MdB beantwortete:

Im Jahre 2010 wurden insgesamt 516 Schusswaffen bei oder im Zusammenhang mit der Begehung von insgesamt 496 Straftaten nach dem StGB sichergestellt. Dabei wurden in 28 Fällen 27 erlaubnsipflichtige Schusswaffen aus legalem Besitz verwendet. Dies entspricht einem Anteil von 5%.

http://www.krainz.de/Bilder/walo/dr_friedrich_20120217.pdf

Setzen wir der Einfachheit halber die Anzahl von diesen 27 für Straftaten missbrauchten Legalwaffen zugrunde, so kommt man, bezogen auf die etwa 1,1 Millionen Erlaubnisinhaber, auf eine Missbrauchsquote von sage und schreibe 0,00245 Prozent. Oder anders herum: 99,99755% Der Erlaubnisinhaber stellen für die Innere Sicherheit nicht die Spur einer Gefahr dar.

Die gleiche Bundesregierung, die ein mit 0,01 % angegebenes Impfrisiko für vernachlässigbar hält, lässt beim Thema “Waffenbesitz” ein ums andere Mal jede Verhältnismäßigkeit außen vor. Obwohl das Rest-Impfrisiko damit mindestens mehr als vier Mal so hoch ist, wie die Gefahr des Missbrauchs einer legal besessenen Schusswaffe für eine Straftat, propagiert man Corona-Schutzimpfungen und verschärft gleichzeitig das Waffenrecht!

Der Doppelstandard feiert fröhliche Urstände. Ob ein Risiko ein Risiko ist, hängt nicht von trockenen Zahlen und nüchternen Fakten ab, sondern davon, wie die jeweiligen Befindlichkeiten der Regierenden sind und ob man sich wohlwollender Artikel und Beiträge in den Medien sicher sein kann oder nicht. Die faktengestützte Weltsicht ist nicht gefragt, wenn die dramatische Weltsicht voraussichtlich für eine bessere PR sorgt.

Die Vernunft hat Pause, wieder einmal.


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Über den Autor

Benedikt Krainz
Boomer, Sportschütze, Blogger, Hobby-Waffenlobby-Aktivist. Staatlich regelmäßig überprüft hinsichtlich Zuverlässigkeit, persönlicher Eignung und neuerdings Verfassungstreue.

1 Kommentar zu "Impfen und Waffen: Deutsche Doppelstandards in Aktion"

  1. Ist es nicht sogar so, dass in den Statistiken nicht zwischen Schreckschuss- und scharfen Waffen unterschieden wird?

    Seit einigen Jahren wird nicht mehr unterschieden, ob sich eine Tatwaffe legal oder illegal im Besitz des Täters befand und die Bundesregierung will das scheinbar auch gar nicht so genau wissen. B. K.

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