Impfquoten, Genesenenzahlen und der Wunsch nach einem Freiheitstag

In den vergangenen Tagen hat sich gezeigt, dass die Impfquote in Deutschland höher ist als noch vor kurzem vermeldet. Das RKI teilte mit, dass „unter den Erwachsenen bereits bis zu 84 % mindestens einmal und bis zu 80 % vollständig geimpft sind“. Wieso es zu solchen Abweichungen der Zahlen kommen konnte, ist dabei natürlich eine Frage für sich, zumal die Zahlen immer wieder zur Begründung der Corona-Politik herangezogen wurden und auf ihrer Grundlage ein starker Druck auf Ungeimpfte ausgeübt wird.

Zu der bestehenden Impfquote sind natürlich auch noch die Genesenen hinzuzurechnen und auch hier hat zumindest eine Modellrechnung des Instituts für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Universität Leipzig gezeigt, dass die natürliche Immunisierung deutlich ausgeprägter als angenommen sein könnte. Während das RKI von 4 Millionen bereits infizierten Personen ausgeht, könnte der tatsächliche Wert bei 12 Millionen liegen.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wird der Ruf nach einem Freiheitstag lauter, einen solchen „Freedom Day“ haben inzwischen mehrere Länder vollzogen und damit ihre Rückkehr zu normaleren Lebensumständen zelebriert.

Für Deutschland ist festzuhalten: Die Gefahr durch das Corona-Virus ist eine grundsätzlich andere als noch vor einem Jahr. Vor allem für die besonders vulnerablen Gruppen im Alter von über 60 Jahre konnte ein umfassender Schutz realisiert werden. Dennoch weigert sich die Regierung nach wie vor, einen verbindlichen Weg zurück in die Normalität aufzuzeigen. Wenn Gesundheitsminister Spahn beispielsweise sagt, man käme mit 3G durch den Winter, ist das eine erneute Absage an eine Rückkehr zur Normalität. 3G bedeutet, dass völlig symptomlose Ungeimpfte trotz der erreichten Herdenimmunität einer tagtäglichen (kostenpflichtigen) Testpflicht zur Teilnahme am öffentlichen Leben unterliegen. Ist das angesichts der neu zu bewertenden Gefahrenlage noch zu rechtfertigen? Umso mehr stellt sich die Frage natürlich für das Modell 2G, das die Regierung ganz bewusst auf den Weg gebracht und damit einen tiefen Keil zwischen Geimpfte und Ungeimpfte getrieben hat.

Natürlich bleibt es geboten, verantwortungsvoll mit Covid-19 umzugehen. Freiheit war immer ein Konzept, das mit dem Bewusstsein für Verantwortung einhergeht. Wer Symptome hat, die auf Covid19 hindeuten, tut weiterhin gut daran, sich selbst zu isolieren und zu testen. Wer nachweislich infiziert ist, handelt verantwortungsvoll, indem er das Virus nicht streut. Das gilt sowohl für Ungeimpfte als auch für Infektionsdurchbrüche bei Geimpften. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung, dass Beschäftigte, die nicht gegen Covid-19 geimpft sind, im Quarantänefall keine Lohnfortzahlung erhalten, auch ein gravierender Fehler. Eine solche „Bestrafung“ verleitet dazu, Tests zu vermeiden und erhöht die Corona-Dunkelziffer. Das ist verantwortungslos. Isolation im Fall einer Infektion gehört zur Solidarität mit anderen. Man sollte Ungeimpfte dafür nicht bestrafen, auch wenn man ihre Motive gegen eine Impfung nicht anerkennt.

Unter der Bedingung gemeinsamer Verantwortung sollte ein Freiheitstag bedeuten, dass wir unser Leben wieder leben, ohne uns ins Schubladen zu stecken und gegenseitig zu misstrauen. Freiheit heißt: Wer sich gegen eine Impfung entscheidet, hat die eigenen damit verbundenen Risiken selbst abzuwägen und in Kauf zu nehmen. Wer sich impft, vertraut auf einen Schutz, wer es nicht tut, lässt es bleiben. Den Geimpften kann dies recht egal sein, es sei denn, sie vertrauen der Schutzwirkung der eigenen Impfung nicht. Erst wenn das Gesundheitssystem tatsächlich unter einer „Pandemie der Ungeimpften“ kollabieren würde, sähen die Dinge etwas anders aus. Eine solche Überlastung beträfe alle. Solange dies aber nicht in Sicht ist (und das ist es nicht), besteht auch kein Grund, darauf ständig zu verweisen.

Wenn Deutschland einen Freiheitstag aus der Pandemie begeht, muss das für uns auch heißen, dass wir Entscheidungen anderer respektieren, wenn diese uns selbst nicht direkt betreffen. Getreu Denkern wie dem deutschen Dichter und Journalisten Matthias Claudius, der schon im 18 Jahrhundert sagte: „Die Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet.“

Ein Gastbeitrag von Dana Guth. Sie ist Abgeordnete des Niedersächsischen Landtags für die LKR.


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