Jörg Meuthen im ZDF-Sommerinterview – Eine Bestätigung der Probleme der AfD

Politik ist in erster Linie eine Charakterfrage. An diesem Prinzip sollte man immer festhalten – auch bei der Mitgliedschaft in einer Partei. Entfremdet sich eine Partei von den Positionen oder Zielen, wegen denen man sie wählt oder unterstützt, sollte man sich fragen, ob man dort noch richtig ist. Eine solche Entfremdung haben in der AfD seit ihrer Gründung schon viele tausende Mitglieder und noch mehr Wähler miterlebt – und es werden immer mehr. Ich gehörte dazu.

Als mein Weg mit der AfD im Herbst letzten Jahres endete, folgte das einer Einsicht. Auch wenn viele in der AfD nicht radikal sind, zeigte sich, dass man an der Machtpolitik und dem Machtanspruch der Rechtsaußen und Flügelvertreter in der AfD nicht vorbeikommt. Die inzwischen erfolgte formale Flügelauflösung macht da nur einen unwesentlichen Unterschied: Der Flügel ist in der AfD ein Machtfaktor. Seine Vertreter wollen die Kontrolle über die Partei und haben bis in die untersten Ebenen Strukturen. Verflechtungen wurzeln tief in alle Landesverbände. Wenige in der Partei kämpfen aktiv gegen diese Situation an. Viele schauen zu und warten ab. Manche bekämpfen diejenigen, die die Fehlentwicklungen bekämpfen. Alexander Gauland, der am ehesten zur dritten Kategorie gehört, nannte die AfD einmal einen „gärigen Haufen“. Man könnte aber es auch ein „politisches Schlachtfeld“ nennen.

Das alles kann man sich vor Augen führen, wenn man das ZDF-Sommerinterview mit dem AfD-Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen anschaut. Ein wesentlicher Part des Interviews: Die Konfrontation des Parteichefs mit einer ganzen Liste von AfD-Kandidaten, die aussichtsreich für den Bundestag kandidieren und pikante Vorfälle rund um diese Personen. Meuthen muss schließlich eingestehen: „Das sind alles nicht meine Freunde“. Das Interview offenbart recht schnell, wie entfremdet der eigene Parteichef von diesen Teilen der AfD ist. Meuthen rechtfertigt sich schließlich mit Etappensiegen wie dem Rauswurf von Andreas Kalbitz. Richtig: Hier und dort gelang es der immer mehr unter Druck stehenden AfD, Radikalen erfolgreich die Ausgangstür zu zeigen. Das hat eine Zeit lang hoffnungsvoll gestimmt. Was man aber zu oft vergisst, ist, dass genau diese Leute häufig trotz ihrer Radikalität weit in der AfD aufsteigen konnten. Der Widerstand, den man erfährt, wenn man sie loswerden will, ist außerdem meist groß. Beides sagt viel über den Zustand der Partei.

Auf die entscheidenden Fragen zur AfD hat Jörg Meuthen schließlich Standardsprüche: „Aufgeben ist nicht mein Stil“ und „Ich will andere nicht enttäuschen“. Oberflächlich wirkt beides entschlossen, eigentlich wahrt es aber lediglich die Form. Herr Meuthen steht auf einer ähnlich verlorenen Position wie die Geigenspieler auf der sinkenden Titanic. Ihre Musik beruhigt zwar und hält manchen länger an Bord, das Schiff kippt jedoch weiter. Nebenbei erwähnt: Einiges an Wasser, das das Schiff zum Sinken bringt, hat der AfD-Parteichef aufgrund seiner zu langen Duldsamkeit gegenüber dem Flügel und seinen Vertretern selbst mitzuverantworten.

So kann man am Ende sagen: Das ZDF-Sommerinterview mit Jörg Meuthen war eine Bestätigung vieler Probleme, die die AfD hat – auch derjenigen, an denen ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen mitverantwortlich ist. Wer Radikale aus dem Bundestag heraushalten will, sollte eine Unterstützung oder Wahl der AfD besser überdenken – auch wenn lange nicht jeder in der Partei radikal ist und nicht jede Landesliste gleichermaßen problematische Personen enthält.

Ein Gastbeitrag von Dana Guth. Sie ist Abgeordnete des Niedersächsischen Landtags für die LKR.


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1 Kommentar zu "Jörg Meuthen im ZDF-Sommerinterview – Eine Bestätigung der Probleme der AfD"

  1. Genau dieses Problem habe ich auch. Wenn man das Programm der AfD liest, ist es akzeptabel, wenn man aber dann Aussüprüche z. von Herrn Höcke hört, wie “Mitglieder ausschwizen”, ist der Funke der Sympathie erloschen. Was bleibt ist die nüchterne Sichtweise, AfD zu wählen, weil es sonst keine Opposition gibt. Zu wenig, um die Karre aus dem Dreck zu ziehen.

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