Lehrlingselend

Wenn es prekäre Arbeitsverhältnisse gibt, so verschärft sich die Situation bei den Lehrverhältnissen nochmals. Auszubildende werden in Deutschland häufig mangelhaft und unter unwürdigen Bedingungen ausgebildet. Zahnarzthelferinnen putzen jahrelang die Fenster und wischen den Boden, angehende Kaufleute bauen Messestände auf, Köche müssen während ihrer gesamten Ausbildung die Küche und das ganze Restaurant putzen. Schlimm ist die Lage nach dem Zeugnis von Berufsschullehrern auch bei Friseuren, in Zahnarztpraxen, Reisebüros, in der Gastronomie sowie der in Hotel- und Reinigungsbranche.

Was hat eine unbezahlte Überstunde mit dem Ausbildungsstoff zu tun? Es ist keine Seltenheit, dass Lehrlinge über die gesetzlich vorgeschriebene Zeit in der Nacht arbeiten müssen. Auch mit dem Beginn der Arbeit wird Missbrauch betrieben. Wenn der Dienstplan beispielsweise einen Arbeitsbeginn um 14 Uhr ausweist, aber die Auszubildenden ab 12 Uhr die Tische und Stühle in den Biergarten schleppen sollen, lässt sich das später in einem Arbeitsgerichtsprozess schlecht verifizieren.

In anderen Branchen ersetzen die Auszubildenden die Praktikanten. „Typische Azubi-Aufgaben?“: Post frankieren, Kopien machen, Blumen kaufen, Bote spielen, Autos waschen, Telefonate durchstellen, Karteikarten sortieren, Akten schreddern, Tische decken, Kaffee kochen oder die Toilette putzen …

Seit 2015 müssen Unternehmen Praktikanten einen Mindestlohn zahlen. Auszubildende rechnen sich da für den Arbeitgeber besser. Abhilfe könnten die Handwerkskammern und die Industrie- und Handelskammern schaffen. Sie sollen über die Qualität der Ausbildung wachen. Sie könnten Betrieben die Ausbildungserlaubnis entziehen. Sie beschäftigen Ausbildungsberater. Sie können jederzeit unangekündigt Unternehmen besuchen und sich ein Bild über die Zustände vor Ort machen. Seien wir aber ehrlich und stellen nüchtern fest: Häufig werden Azubis als Billigarbeiter angeheuert und ausgenutzt. Nach einer erfolgreichen Lehrzeit wird der Inhaber des Prüfungszeugnisses nicht übernommen, sondern der Chef stellt den nächsten Azubi ein.

Nach Erhebungen des DGB sind 72 Prozent der Azubis zufrieden mit ihrer Ausbildung. 2016 brachen etwa 146.000 Azubis ihre Ausbildung vorzeitig ab – immerhin 25,8 Prozent. Allerdings gibt es Unterschiede: In Ausbildungsberufen mit prekären Begleiterscheinungen liegt die Quote bei rund 50 Prozent, bei Verwaltungsangestellten nur bei 4 Prozent. Konkret: Fachkraft für Schutz und Sicherheit (50,7 Prozent), gefolgt von Restaurantfachleuten (50,6 Prozent). Bei Köchen sind es 48,6 Prozent, bei Fachkräften im Gastgewerbe 43,4 Prozent, bei Hotelfachleuten 40,8 Prozent. Quoten von über 45 Prozent gibt es bei angehenden Fachkräften für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice (49,8 Prozent), Gebäudereinigern (49,7 Prozent), Friseuren (49,6 Prozent), Gerüstbauern (47,9 Prozent) und Berufskraftfahrern (46,2 Prozent).

Vom DGB heißt es: „Dort, wo die Vergütung besonders niedrig ist, sind die Abbrecherquoten extrem hoch.” Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, meint: „Wir im Handwerk wollen Fachkräfte qualifizieren und an uns binden.” Weiß beim ZDH die rechte Hand, was die linke tut? Die Bundes- und Landespolitik muss unverzüglich einen großen Verfolgungsdruck beim Missbrauch von Lehrverhältnissen aufbauen. Dieser müsste mindestens die gleiche Intensität entwickeln wie bei falsch parkenden Kraftfahrern oder bei der Prüfung der Steuererklärung von Einkommenssteuerpflichtigen. Davon würden auch diejenigen Unternehmer profitieren, die sich um eine ordnungsgemäße Ausbildungsgestaltung bemühen. Abhilfe der Misere würden vermehrte Kontrollen des Zolls, der Berufsschulen und der Industrie- und Handelskammer gerade bei der Gastronomie schaffen. Erfahrungsgemäß führt ein verstärkter Verfolgungsdruck von ganz allein dazu, dass schwarze Schafe auf den Weg der Tugend zurückfinden. Der Genosse Mao Tse-tung lehrt: Bestrafe einen, erziehe Hundert!


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