Sind wir Demokraten?

Wenn man die Deutschen fragt, ob sie sich selbst für Demokraten halten, dann werden einem die meisten, mit stolz geschwellter Brust, ein überzeugtes ‚Natürlich!‘ entgegenwerfen. Das ändert sich meist sehr schnell, wenn man dann ein wenig nachbohrt: „Wie bringen Sie persönlich sich denn in die Demokratie ein? Gehen Sie wählen? Gibt es eine Partei, die mit Überzeugung wählen können, oder wählen Sie lediglich das kleinste Übel? Wie sollte eine Partei aussehen, die Sie mit Überzeugung wählen würden? Wählen Sie strategisch?“

Das Ergebnis ist in den meisten Fällen recht erschütternd: Die Mehrzahl der Deutschen geht nur dann zum Wählen, wenn sie an dem Wahlwochenende gerade keine Mountainbike-Tour mit guten Kumpels durch das Erzgebirge geplant haben, endlich mit einer guten Freundin die lang geplante Exkursion nach Straßburg angegangen sind oder nicht gerade dieses Wochenende auf die Enkelkinder aufpassen müssen. Ganz wenig geben an, eine Partei aus echter Überzeugung wählen zu können, und was noch schlimmer ist: Die allermeisten wählen daher strategisch, anstatt ihren echten politischen Überzeugungen zu folgen! Die FDP muss das jedes Mal wieder schmerzlich erleben, wenn sie vor den Bundestagswahlen in der Nähe der 5-Prozent-Hürde rumkrebsen. Dann verlieren sie noch mehr Stimmen, weil ihnen die wichtigen Zweitstimmen der Unionswähler fehlen. Diese Wahlberechtigten würden natürlich niemals für eine Partei votoeren, wenn sie damit rechnen müssten, dass ihre Stimme dort ‚verloren‘ ist.

Wie verheerend man auf diese Weise die Wahlen im Vorfeld beeinflussen kann, das haben wir gerade wieder im Juni in Sachsen-Anhalt erleben müssen. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts INSA aus Erfurt, die die AfD nur noch einen Prozentpunkt hinter der CDU sah, und die Wahl war für viele andere bürgerliche Parteien praktisch gelaufen, sie kamen in diesem ‚Elefanten-Renne‘ schlicht unter die Räder. Die Fans der Blauen wollten unbedingt, dass ihre Partei ‚stärkste Kraft‘ wird, und der Rest der Wähler dort wollten die ‚blauen Barbaren‘ um jeden Preis verhindern. So kam es zu einer starken Wanderung von Wählern der SPD, und sogar der Linken, zur CDU, und die armen Freien Wähler – die sich große Hoffnungen gemacht hatten, dieses Mal in den Landtag einzuziehen – hatten am Ende mehr Erst- als Zweitstimmen auf ihrem Konto, was ja eine fast schon absurde Situation ist.

Am Ende gab es dann einen satten Vorsprung von sage und schreibe 16 Prozent für die Union, und so mancher Wähler wird sich deswegen hinterher fürchterlich geärgert haben. Vielen wird dann nämlich klar geworden sein, dass der von INSA prognostizierte Abstand von nur einem Prozent, direkt vor der Wahl, wohl kaum jemals so klein gewesen sein kann. Was aber natürlich bis zur nächsten Landtagswahl, in fünf Jahren, längst vergessen sein wird. Und auch dann wird es den Regierungsparteien sicher wieder gelingen, einen finalen ‚Endgegner‘ zu finden, der unbedingt bezwungen werden muss, die AfD, der Leibhaftige in Form von ‚Rot-Rot-Grün‘ oder irgendein anderes politisches Schreckgespenst. Und wieder werden ihnen viele ‚Taktikwähler‘ auf den Leim gehen.

Als Mitglied einer bürgerlichen ‚Kleinpartei‘ habe ich bewusst einen anderen Weg eingeschlagen: Nach einem recht kurzen Intermezzo bei der WerteUnion und der CSU habe ich für mich entschieden mich politisch zu betätigen. Das war für mich über viele Jahre völlig undenkbar, ich hätte mir das für mich selbst niemals vorstellen können, aber heute kann ich sagen: Das tut gar nicht weh!

Im Gegenteil, ich empfinde es mittlerweile sogar als persönliche Bereicherung. Nicht nur weiß ich genau, was ich wählen möchte, nein, ich habe es sogar selbst mit in der Hand, die Politik meiner Partei zu beeinflussen! Denn jedes Parteimitglied entscheidet ja selbst, wie stark er sich in die Parteiarbeit einbringen möchte. Viele sind ‚nur‘ Unterstützer oder zahlende Mitglieder, und auch das ist für jede Partei sehr wichtig. Die, die sich stärker einbringen wollen, können das selbst frei entscheiden. Der eine liebt es, bei den Programm-Parteitagen mitzureden und auch zu stimmen, also Einfluss auf das Parteiprogramm auszuüben, der andere macht den Kassenwart (=Schatzmeister) und der nächste sammelt am liebsten vor den Wahlen die benötigten Unterstützerunterschriften, damit die Partei antreten darf (Dass gerade die letzte Gruppe in jeder Kleinpartei besonders beliebt sind, muss ich wohl nicht gesondert erwähnen).

Eine besondere Rolle spielt dabei der Bekanntheitsgrad der Partei in den sozialen Medien. Gut, nicht jeder bekommt (verdeckt?) Millionen spenden von einem Immobilien-Mogul aus der Schweiz, um einen kostspieligen Bundestagswahlkampf auf Facebook führen zu können, aber auch ohne das kann man die Partei einigen interessierten Bürgern durchaus näherbringen, und der eine oder andere entscheidet sich sogar der Partei beizutreten. Dort, in den Tiefen des Internets, trifft man dann noch auf eine ganz besondere Unterart der Deutschen Demokraten:

Die Nörgler, Wutbürger, Besserwisser, Oberstrategen, Politbeobachter und auch sogar Allwissende. Und für einen politisch aktiven ist es schon sehr erstaunlich zu sehen, wie viel Zeit diese Menschen täglich investieren um, zum Beispiel, über die Grünen zu schimpfen, sich über Annalena Baerbocks jüngste Äußerungen zu mokieren, die Politik der Union auf sozialistische Inhalte zu prüfen, in jedem Linken ein potentielles Mitglied der ANTIFA zu sehen und Facebook und Konsorten sowieso als Teil der geplanten sozialistischen Machtübernahme zu sehen. Speziell dann, wenn sie gerade wieder für einen ‚harmlosen‘ Beitrag gesperrt wurden. Und so manches mal denke ich dann, so für mich selbst, wie schade ich das eigentlich finde.

Denn würden nur 10 Prozent dieser Energie, dieser Arbeit, in sinnvolle politische Mitwirkung in einer Kleinpartei gesteckt, die ‚Facebook‘-Partei würde längst schon in den Parlamenten sitzen. So bleibt es aber leider bei den allermeisten bei den täglichen Wuttiraden, bei Frust, beim täglichen ‚emotionalen Kick‘ den man sich holt, und den man mit den eigenen ‚Peers‘ dann natürlich auch teilt. Und daher bin ich jetzt frech und stelle diesen Menschen, nein, Euch allen, die folgende Frage: Seid Ihr wirklich wahre Demokraten?

Ein Gastbeitrag von Christian Wiesner. Er ist Mitglied der LKR.


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