So werden die Verbraucher getäuscht: “klimaneutral” ist Etikettenschwindel

Wer sich für das Klima stark macht, der gewinnt. Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft. Und dabei spielt der Umstand, dass unser kleines Deutschland das weltweite Klima trotz größter Anstrengungen und den Einsatz von Milliarden Euro an Steuergeldern höchstens marginal beeinflussen wird, keine Rolle – wichtig ist lediglich die Gewissheit, zumindest versucht zu haben, die Welt zu retten.

Dieses “gute Gewissen” machen sich immer mehr Unternehmen zu Nutze und versuchen, mit dem Hinweis auf „klimaneutrale Produkte“ den Kaufanreiz der Kunden zu steigern. Doch die „Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs Frankfurt am Main e.V.“ hat nun zu einem Rundumschlag ausgeholt und die täuschende Reklame beanstandet: In bisher zwölf Fällen hat die Wettbewerbszentrale die Werbeaussagen von Unternehmen als irreführend abgemahnt und die Einhaltung gesetzlicher Transparenzvorschriften verlangt. Sechs Firmen haben sich verpflichtet, die monierten Werbeaussagen nicht zu wiederholen. In vier Fällen hat die Wettbewerbszentrale Unterlassungsklage eingereicht: zu den Aussagen „Erster klimaneutraler Lebensmitteleinzelhändler“ und „wir handeln klimaneutral“, zu Plastik-Müllbeuteln, die selbst als „klimaneutral“ beworben werden, zu „klimaneutralem Premium-Heizöl“ und zu der Aussage „klimaneutrales Produkt“. Andere Verfahren laufen noch.

Durch die beanstandeten Aussagen wie „100 % klimaneutrale Produktion“, „wir handeln klimaneutral“ oder „klimaneutrales Produkt“ wird nach Auffassung der Wettbewerbszentrale der Eindruck erweckt, dass die Klimaneutralität zu 100% durch emissionsvermeidende bzw. emissionsreduzierende Maßnahmen erreicht wird, die das werbende Unternehmen selbst und seine Produkte betreffen (eigene Produktionsprozesse, Logistik, Vertrieb).

In den beanstandeten Fällen stellt die angebliche „Klimaneutralität“ aber lediglich ein rechnerisches Ergebnis dar, das durch den Kauf von CO₂-Ausgleichszertifikaten erreicht wird. Mit diesen Zertifikaten werden Maßnahmen in Entwicklungs- und Schwellenländern ohne jeglichen Zusammenhang zum werbenden Unternehmen oder seinen Produkten unterstützt, wie bspw. das Pflanzen von Bäumen in Uruguay, saubere Kochöfen in Ghana oder der Paranussanbau in Peru. Derartige Werbemaßnahmen hält die Wettbewerbszentrale für irreführend, da die Maßnahmen mit dem werbenden Unternehmen und seinen Produkten gar nichts zu tun haben, obwohl dies suggeriert wird und der Kauf von Zertifikaten in der Werbung verschwiegen wird.

„Klimaneutralität ist zu einem zentralen Thema in der Werbung geworden. Viele Marktteilnehmer gehen bei solchen Angaben davon aus, dass es dem Unternehmen aufgrund maßgeblicher eigener Emissionsvermeidung und -reduzierung gelungen sei, negative Auswirkungen auf das Klima vollständig zu vermeiden, und dass das Produkt oder die Produktion selbst nicht klimaschädlich ist. Tatsächlich wurden in den beanstandeten Fällen die Treibhausgasemissionen durch den Kauf von CO₂-Zertifikaten kompensiert. Auch wenn die Kompensation der Restemissionen bis zur vollständigen Umstellung der Prozesse zur Vermeidung von Emissionen zu begrüßen ist, muss darauf klar hingewiesen werden. Erst dann kann der Kunde eine informierte Entscheidung treffen.“, erklärte Dr. Tudor Vlah, zuständiger Referent für umweltbezogene Werbung bei der Wettbewerbszentrale.

In den anhängigen Gerichtsverfahren möchte die Wettbewerbszentrale für werbende Unternehmen eine grundsätzliche Klärung der Frage erreichen, welche Anforderungen an eine rechtssichere Werbung mit der Aussage „klimaneutral“ gelten. Bereits 2016 hatte sie in einem Verfahren vor dem Landgericht Frankfurt die Aussage „der weltweit erste 100% klimaneutrale Tiefkühl-Kartoffelspezialist. Vom Kartoffelacker bis ins Tiefkühlregal des Handels“ für ein Kartoffelprodukt untersagen lassen, weil hierdurch der falsche Eindruck erweckt wurde, dass es dem Unternehmen gelungen sei, sämtliche Emissionen in der eigenen Produktion zu vermeiden. Für Unternehmen ist es daher wichtig, den Begriff „klimaneutral“ in der Werbung transparent zu erläutern, um bei Verbrauchern keine falschen Vorstellungen zu erwecken und damit einen fairen Wettbewerb zu gewährleisten.

Die Wettbewerbszentrale ist die größte und einflussreichste Selbstkontrollinstitution für fairen Wettbewerb. Getragen wird die gemeinnützige Organisation von mehr als 1.200 Unternehmen und über 800 Kammern und Verbänden der Wirtschaft. Sie finanziert sich allein aus der Wirtschaft heraus und erhält keine öffentlichen Mittel. Als branchenübergreifende, neutrale und unabhängige Institution der deutschen Wirtschaft setzt sie die Wettbewerbs- und Verbraucherschutzvorschriften im Markt – notfalls per Gericht – durch. Sie bietet umfassende Informationsdienstleistungen, berät ihre Mitglieder in allen rechtlichen Fragen des Wettbewerbs und unterstützt den Gesetzgeber als neutraler Ratgeber bei der Gestaltung des Rechtsrahmens für den Wettbewerb.


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