Stadt, Land, Schuss

Wir hören immer wieder, dass das Volk gespalten ist, aber betrachtet man die Sache geographisch, so sieht man selten Spaltungen, die durch Straßen und Familien laufen, die Frontlinien können tatsächlich auf Landkarten eingetragen werden. Die ideologische Spaltung verläuft zu einem erheblichen Teil zwischen Stadt und Land, zwischen Penthouse und Einfamilienhaus mit weißem Lattenzaun.

Stadtbewohner gleichen einander. Der Berliner ist dem New Yorker ähnlicher als beide ihren ländlichen Landsleuten. Man mag andere Sprachen sprechen, aber die Ansichten sind üblicherweise vergleichbar, was völlig verständlich ist, denn Ansichten entstammen gelebten Erfahrungen und die Erfahrung „Großstadt“ ist eben anders als die Erfahrung „Dorf“.

In der Stadt kommt man zwangsläufig zu dem Schluss, dass eine streng geregelte Kontrolle des Zusammenlebens absolut notwendig ist. Wenn die Ampeln nicht funktionieren, dann sind die Straßen zu, denn Menschen sind eben, das zeigt die Erfahrung des Städters, völlig unfähig, ohne Ampeln ihre Fahrzeuge von A nach B zu bewegen, ohne dabei Chaos anzurichten. Das Gleiche gilt für das Zusammenleben mit den hunderten Menschen im gleichen Wohnblock, die man weder kennt noch kennen lernen möchte. Regeln, Regulationen, Gesetze erscheinen also absolute Notwendigkeit und aus all diesen Erfahrungen erwächst die Annahme, dass eine starke Führung nicht nur eine nette Sache wäre, sondern absolut notwendig sei.

Am Land ist die Erfahrung eine andere. Dort sieht man, dass praktisch jede Regulation, die sich die Schreibtischtäter in der Hauptstadt ausgedacht haben, die gut funktionierenden, gewachsenen Strukturen lädieren oder gar das Gegenteil von dem tun, was sie tun sollten. Man sieht, dass das erwirtschaftete Geld in Windeseile in die Städte fließt, um dort dann im Nichts zu verdampfen.

Die Stadt bestimmt, dank ihrer Wahlmacht, über das Land und trifft dabei immer Entscheidungen für die Städte und gegen das Land. Der Landbewohner kommt also – aufgrund dieser Überlegungen – zu dem Schluss, dass ein geringeres Maß an Führung, Regulation und Kollektivismus eine Verbesserung darstellt.

Es ist dabei unerheblich, ob die Einschätzungen stimmen oder nicht, das sind Einschätzungen die viele, wenn auch nicht alle, Menschen in den entsprechenden geographischen Regionen tendenziell haben. Nicht alle. Nicht überall. Aber tendenziell.

Das Problem ist, dass vor allem die Städter nur eine sehr einseitige Erfahrung haben. Als Landbewohner kommt man an der Stadt nicht vorbei. Irgendwann muss man hin und erlebt sie. Als Stadtbewohner hingegen ist es einfach niemals die Stadt zu verlassen. Wenn man Urlaub macht, dann fährt man entweder in andere Städte oder aber in „Leben am Land“- Themenparks, also auf Bauernhöfe, die vollgestopft mit anderen Städtern sind und eine für sie erfreuliche Version des Landes präsentieren: Landluft, aber mit gutem Wein und einem penibel ausgetüftelten Anteil an Güllegeruch in der Luft, damit der Städter glaubt, er sei wirklich am Land und nicht in einer für ihn gebauten Attraktion.

Eine Vielzahl an Städtern in meinem Umfeld haben niemals das Leben am Land erlebt, haben aber fixe Vorstellungen wie es sein müsse: Die Leute wären rückständig und dumm und der Grund wäre eben die fehlende Führung, die fehlenden Systeme, die das Leben regeln, denn wie soll man eben wissen, ob man fahren oder stehen muss, wenn da keine Ampel ist?

Für den Städter ist das Konzept der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung unverständlich, weil beide Dinge in der Stadt schlicht und ergreifend nicht wirklich zu realisieren sind. Die Städte sind damit immer die Keimzelle von kollektivistischen und faschistischen Ideen – Ideen, die sich darum drehen, dass das Zusammenleben eben nur funktioniert, wenn eine ganze Kolonne von Menschen marschiert, wenn ein Licht grün leuchtet und die andere eben stehen bleibt, solange sie rot hat und jedes Hinterfragen dieses Systems unterdrückt wird.

Das war auch schon immer so. Eine Idee, gegen diese grundsätzliche Tendenz entgegenzuwirken, ist das Wahlmännersystem in den USA. Durch dieses System erhöht man künstlich die Stimmen des Landes und reduziert die der Stadt. Es kommt also zu einer Umverteilung. Wie bei jeder anderen Umverteilung führt das natürlich zu Protesten jener, von denen genommen wird, in diesem Fall zu massiven Protesten aus der Stadt.

Historisch betrachtet geht das Erstarken eines autoritären Regimes praktisch immer Hand in Hand mit der Bevölkerungsdichte in den Städten und der daraus resultierenden Macht. Je dichter die Städte gepackt sind, desto geringer die Tendenz zur Selbstständigkeit. Ohne städtischer Macht kein Regime!

Der Wunsch der Führenden, alle Menschen in Städte zu packen, ist daher verständlich. Er erwächst natürlich auch aus der Erkenntnis, dass Menschen auf engstem Raum viel einfacher zu kontrollieren sind, geht aber eben deutlich weiter. Menschen, die in der Stadt sozialisiert wurden, kommen schlicht nicht mehr auf die Idee, dass man dem Volk die Macht geben sollte, weil sie ja aus ihrer täglichen Erfahrung gelernt haben dass das nicht funktioniert.

Die Stadt „züchtet“ daher Menschen, die sich nicht gegen die Autorität sträuben, sondern nur darüber zanken „wer“ sie führen soll, das „ob“ steht nicht zur Debatte.

Die Phasen der Freiheit kommen üblicherweise nach einer Katastrophe, denn Städte werden in Krisenzeiten zu Todesfallen, was ihre Dichte, auf die eine oder andere Art, sinken lässt. Die Profiteure dieser Zeit sind jene, die ohnehin nie auf die Autoritäten, die plötzlich machtlos sind, gehört haben.

So schwingt das Pendel zwischen Kollektivismus und Individualismus eben immer hin und her, der Treiber ist aber eventuell nicht direkt eine Veränderung des Mindsets der Bevölkerung (wie von Anhängern der Strauss–Howe generational theory oftmals suggeriert), sondern eine Veränderung des Machtgleichgewichtes zwischen Stadt und Land.

Ein Blick auf die Städte, vor allem in den USA, lässt vermuten, dass das Pulverfass bereits am Explodieren ist und die Dominanz der Stadt ein Ende findet, denn jene Städter, die nun aufs Land geflüchtet sind, bleiben dort. Und das aus gutem Grund: Städte sind eben fürchterlich unmenschlich und wenn man mal die Alternative gesehen hat, dann wird einem das auch klar.

Ein Gastbeitrag von Adam Stirner. Er ist Historiker in Wien.


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