… weil die Linke und die Rechte sich geändert haben …

Ben Shapiro ist eine recht bekannte Stimme im konservativen Amerika. Als solche beklagt er ganz gern, dass die Rechte nicht mehr seine Rechte ist. Als orthodoxer Jude stößt er sich etwa an Homosexualität und beklagt, dass in der Mainstreamrechten praktisch keiner mehr Homosexualität als ein Thema aufgreifen möchte. Homosexualität ist eben Mainstream, seine religiöse Moral aber bildet ein Minderheitenprogramm. Das war noch vor zwanzig Jahren ganz anders. Und das vermisst er.

Ebenfalls anders ist die Linke. In Amerika ist „links“ sprachlich eng mit dem Begriff der Freiheit verbunden („liberals“), etwas, das heute eher ironisch anmutet. Die (amerikanische) Linke definierte sich lange über die Idee, dass jeder die Freiheit haben sollte, wie er eben ist. Wenn man etwa homosexuell ist, dann soll man so sein können.

Dieses Konzept ist dem Progressivismus gewichen. Die Progressive gab es schon früher, hatten aber keine zentrale Bedeutung. Der linke Mainstream war liberal. Das hat sich geändert. Der linke Mainstream ist jetzt progressiv. Was ist das aber? Im Wesentlichen handelt es sich bei den Progressiven um eine Gruppe, die den Konflikt als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung sieht und davon überzeugt ist, dass am Ende dieser Entwicklung ein Utopia steht in dem jeder glücklich, zufrieden und gerecht leben kann. Dieses Utopia beinhaltet uniformes Denken und Handeln, alle sind gleich, alle denken das Gleiche (“das Richtige”), alle sagen das Gleiche ( “die Wahrheit” ) und alle sind davon überzeugt, dass alles was abweicht falsch ist.

Im Utopia angekommen ist dann der Konflikt am Ende, weil unnötig. Die europäische Linke plappert diesen Unsinn seit dem Aufkommen des Internets im Wesentlichen nach. Wahrheit ist für sie keine subjektive Sache, sondern eine objektive Größe. Genau wie für die Ben Shapiro. Nur anders.

Die Linke ist also von einer Bewegung, die Moral als eine beklemmende, unterdrückende Idee ansah, zu einer Bewegung geworden, die strikten moralischen Codes einfordert. Diese Änderung dauerte etwa 20 Jahre, eine Generation. Wer heute gegen diese neue Moral verstößt, muss Buße tun oder wird verstoßen. Die Linke hat das Schlachtfeld der Liberalität nicht nur verlassen, sie haben es – von selbst – als etwas deklariert, das ihrer neuen Ideologie feindlich gegenübersteht.

Entsprechend wurden die Anhänger von Liberté, égalité und fraternité aus der Linken herausgedrängt und bildeten für eine kurze Zeit den zentristischen Block, der dann über das Vehikel des Populismus in die Rechte einsickerte. Der rechte Flügel wurde dadurch stärker, verlor aber einen Teil seiner Identität, denn die “neuen Rechten” trugen eben nicht die religiöse Moral der “alten Rechten” mit.

Simple Geister behaupten, dass es einen generellen Linksruck gab – ich würde behaupten, dass Gruppen gar nicht existieren und daher keine Identität haben. Wenn man Christen in ein Haus stopft, wird das Haus eine Kirche und wenn man Modellbauer in das gleiche Haus steckt, wird es eine Werkstätte.

Politische Bewegungen sind genauso: Was sie sind wird dadurch definiert, wer drin ist und die Menschen, die denken dass jeder so leben soll wie er eben möchte, und jene, die denken, dass Moral für die Politik bedeutend sein muss, haben eben Plätze getauscht.

Leben ist eben Veränderung. Das ist auch gut so, stellt aber ein Problem für jene dar, die nicht so genau aufpassen, was um sie passiert. Diese Leute finden sich dann plötzlich in einem Umfeld, in dem sie sich nicht wohl fühlen und wundern sich, warum „die Anderen“ plötzlich die Dinge sagen, die man selber mal als gut empfand.

Wie die Welt ist, wird sie nicht bleiben. Die Linke wird wieder die Bewegung der Freigeister werden. Irgendwann. Sie ist es nur im Moment nicht. Das kann man beklagen oder aber akzeptieren. Wichtig ist, dass man wachsam bleibt und den Punkt nicht verpasst, wo es wieder gilt, die Seiten zu wechseln.

Ein Gastbeitrag von Adam Stirner. Er ist Historiker in Wien.


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