Wenn Vertrautheit zu Verachtung führt

Bevor wir jemanden wirklich kennen, haben wir bereits ein gewisses Bild von diesem Menschen in unserem Kopf. Egal wie sehr man sich bemüht sich Vorurteilen zu verweigern, eine gewisse Erwartungshaltung ist eben da.

Besonders prägnant ist dieser Effekt bei Liebesbeziehungen. Wenn Menschen beschließen, miteinander auf ein Date zu gehen, ist die oben beschriebene Erwartungshaltungen üblicherweise sehr positiv. Der interessante Effekt hierbei ist, dass man Lücken der Eigenschaften des anderen, die man nicht kennt, durch Annahmen füllt.

Zuerst weiß man etwa nicht, ob das Gegenüber Musik mag, aber – da man selber Musik liebt – wird einfach einmal angenommen, dass das Gegenüber auch Musik mag. Und zwar die Musik, die man selber auch mag.

Es folgt ein Wortwechsel, der in etwa so verläuft: „Ich liebe Musik“ „Wirklich? Ich auch!“. Dieser Wortwechsel scheint die Annahme zu bestätigen. Die Ernüchterung, die sich einstellt, wenn sich herausstellt, dass der eine Schlagermusik und der andere Heavy Metall gemeint hat, ist dann natürlich bitter.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine vorher getroffene Annahme zu einem Menschen, dem man positiv gegenübersteht, besser ist als die Wahrheit, ist eben entsprechend groß und die nachfolgende Ernüchterung entsprechend unangenehm. Die Person vor einem ist nicht die Person, die man erwartet hat. Jedenfalls nicht wirklich.

Die Annahme vor dem ersten Date ist sehr oft, dass man es mit dem Traumpartner zu tun hat. Diese Einschätzung ist meistens nach dem ersten Date etwas relativiert und nach 10 Jahren, wenn man jede Marotte des anderen kennt, ist von dem ursprünglichen idealisierten Bild kaum mehr etwas übrig, weil eben kein Platz mehr für da Annahmen ist.

Man kennt jetzt den anderen und irgendwie ist er eben nie so wie man es sich vor dem ersten Date erträumt hat. Schlimmer noch: nach 10 Jahren konzentriert man sich plötzlich hauptsächlich auf die Dinge die einem stören, die Stärken werden zur Normalität und damit unsichtbar.

Einen vergleichbaren Effekt können wir auch im Zusammenprall der Kulturen beobachten. Menschen die andere Kulturen nur aus Büchern und eventuell einem Urlaub kennen, haben hochgradig idealisierte Vorstellung von diesen Kulturen, während man die eigene Kultur, aufgrund der Vertrautheit mit jeder einzelnen Macke der besagten Kultur und ihrer Kulturträger, ohne jegliche rosarote Brille sieht. Die Stärken der eigenen Kultur sind unsichtbar, genau wie die Schwächen der fremden Kultur. Und natürlich umgekehrt.

Entsprechend attraktiv wirkt die andere Kultur, solange jedenfalls bis man tatsächlich damit in Kontakt kommt und all die Erwartungen langsam aber sicher durch Wissen und Erfahrungen verdrängt werden.

Es ist erstaunlich diese Transformation im Moment zu beobachten. Menschen, die vor 10 Jahren noch von kultureller Bereicherung gesprochen haben, schlagen nun völlig andere Töne an und der Grund ist nicht, dass diese Menschen nun böse geworden sind. Es ist eher so, dass wir gesellschaftlich das Daten hinter uns gebracht haben und zusammengezogen sind und plötzlich wird offensichtlich, dass der heiße Flirt auf die Klobrille pinkelt und seine schmutzigen Socken überall in der Wohnung liegen lässt, unsere Freunde verachtet und beschimpft und ab und an dazu neigt seinen Worten mit der Faust Nachdruck zu verleihen.

Plötzlich erinnern wir uns wieder an den Freund, der uns vor dem Typen gewarnt hat und ziehen langsam aber sicher in Betracht, dass er das was er gesagt hat nicht aus Eifersucht sagte, sondern weil er die Situation besser einschätzen konnte.

Das Problem ist, dass der andere nun im Grundbuch steht und man ihn aus dem Haus nicht mehr rausbekommt, selbst wenn man es nicht mehr aushält. Was tun?

Solche Situationen enden oftmals in Tragödien, Tragödien die ein direktes Resultat der rosaroten Brille sind, welche selber ein Resultat unserer Neigung ist, zuerst einmal Dinge anzunehmen und diese Annahmen dann langsam durch Erfahrungen zu ersetzten.

Versteht man diesen Mechanismus, so wird klar, warum die Meinung in Bezug auf die Multikultur gerade zu kippen scheint. Die verklärte Kennenlernphase geht dem Ende zu und nun beginnt die langwierige Phase des Erkennens, mit wem man es da wirklich zu tun hat.

Ein Gastbeitrag von Adam Stirner. Der Historiker lebt in Wien.


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