Werden wir uns jemals wieder vertrauen?

Man liest sie in letzter Zeit recht häufig, die Vergleiche mit der dunkelsten Zeit Deutschlands, und ich gestehe, dass ich jedes Mal etwas weniger zusammenzucke. Vor achtzehn Monaten habe ich noch empört den Kopf darüber geschüttelt, inzwischen schüttelt es mich, wenn ich mir die Verhältnisse in unserem Land ansehe. Hätte mich jemand gefragt, ob ich es für möglich halte, dass auf deutschem Boden nach den Nazis und der DDR nochmal eine Diktatur entstehen könnte – ich hätte es kategorisch verneint. Zu aufgeklärt die Menschen, zu viele Informationsmöglichkeiten und ein stabiles demokratisches System. Ein System, das sicher nicht perfekt war, Stärken und Schwächen hatte, eine Politik, die von Menschen gemacht wurde, die fehlbar waren, aber trotzdem ein gutes System.

Deutschland der Toleranzweltmeister. Man hatte gelernt und Generationen gelehrt, dass niemand ausgegrenzt werden darf. Mit der uns eigenen Gründlichkeit sind wir an vielen Stellen weit über das Ziel hinausgeschossen. Für mich wäre der Anspruch, dass in einer Gesellschaft jeder so leben darf, wie er mag, lieben darf, wen er will, aussehen kann, wie es ihm gefällt, beten darf, zu wem er gern möchte – solange er niemandem damit schadet. Das wäre tolerant, das wäre frei. Wir wären aber nicht die Deutschen, würden wir nicht jedes Thema, das wir anfassen, bis ins Detail planen, regulieren und eine Verordnung dazu schreiben. Das Ergebnis ist eine in unzählige Grüppchen gespaltene Gesellschaft, die sich unversöhnlich gegenüberstehen und sich wechselseitig Diskriminierung vorwerfen. Hier Geborene gegen Zugezogene, Homosexuelle gegen Heteros, Christen gegen Muslime, Muslime gegen Juden, Atheisten gegen Religiöse, Genderfans gegen Traditionalisten, Veganer gegen Fleischesser, Dieselfahrer gegen Lastenradverfechter und, und, und. Das könnte man endlos fortsetzen. Jeder Werbespot muss den Anspruch erfüllen, jede Ethnie der Welt abzubilden, unsere Sprache wurde bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Regenbogenfamilien sind das neue Normal. Dass die überwiegende Mehrheit der deutschen Gesellschaft weiß und heterosexuell ist, geht völlig unter, darf auch nicht mehr thematisiert werden. Sofort geht das hysterische Geschrei los: „Rassismus“, „Homophobie“, „Ausländerfeinde“. Und nichts davon trifft auf die überwältigende Menge der Gesellschaft zu. Aber man hat sie mit diesen stereotypen Erregungsszenarien zum Schweigen gebracht. Die Faust wird nur noch in der Tasche geballt, dem Frust nur im engsten Freundeskreis freien Lauf gelassen.

Wenn sich so gesellschaftlicher Zorn anstaut, muss ein Sündenbock her. Von der Politik benannt, von den Medien vor sich hergetrieben und für die Gefrusteten endlich jemand, auf dem man unsanktioniert herumhacken darf. So entstehen Verhältnisse, die Diktaturen möglich machen. Der Sündenbock wird zum Verursacher, zum Schuldigen und am Ende zum Ventil. Die perfide Strategie des dritten Reiches begann nicht mit Vernichtungslagern. Es waren die Kommunisten und die Juden, die langsam aber sicher zum Feindbild gemacht wurden. Gab man ihnen zuerst „nur“ Schuld an wirtschaftlichem Elend, nahm man ihnen Stück für Stück ihre Rechte, ihre Würde, das Mensch-Sein und am Ende das Leben. Auch wenn viele hinterher nichts gewusst haben wollen, sie haben geschwiegen, weggesehen und mitgemacht – und sich schuldig gemacht. In der DDR waren es die Regimekritiker. Sie waren Dissidenten, Asoziale und schädlich für die gedeihliche Entwicklung der DDR. Man beeinflusste ohne Skrupel ihre berufliche Entwicklung, nahm ihnen die Kinder weg, sperrte sie ein und der Versuch, diesem System zu entkommen, endete für nicht wenige Menschen tödlich. Und die Menschen in der DDR? Sie haben geschwiegen, weggesehen und mitgemacht. Zu Recht blicken wir mit Grausen und Verachtung auf diese Geschehnisse. Nie wieder soll so etwas auf deutschem Boden geschehen!

Wir haben diesbezüglich gute Strategien entwickelt. Rechtsextreme haben versucht, genau diese Mechanismen für sich zu nutzen. Sie haben ihre eigenen Sündenböcke entwickelt. Flüchtlinge, Muslime, Menschen aus fremden Kulturen. Sie waren die perfekte Projektionsfläche. Zu anders, zu teuer. Und natürlich sind sie schuld. Schuld am Elend der deutschen Armutsrentner, Schuld an der wirtschaftlichen Misere der sozial abgehängten Schicht. „Für die ist alles da.“ „Die bekommen alles umsonst, während unsere Leute…“, „Die sind schuld an der Kriminalität, alles Vergewaltiger.“, sie kennen diese unsägliche Polemik. Hier schreitet die Politik seit Jahren konsequent ein. Im „Kampf gegen rechts“ wird alles möglich gemacht. Nie wieder sollte eine Gruppe von Menschen diffamiert, ausgegrenzt und unterdrückt werden. Niemand kann daran etwas falsch finden. Dass man „typisch Deutsch“ auch hier insofern über das Ziel hinausschießt, tatsächliche Probleme mit Teilen dieser Bevölkerungsgruppe klar zu benennen und abzustellen (fürchtet man doch zu sehr, den Rechten Wasser auf die Mühlen zu gießen) schadet in diesem Fall mehr als es nutzt.

Dann kam Corona. Woher spielt am Ende des Tages keine Rolle. Ob es die Fledermaus oder der Laborunfall war – vermutlich werden wir es nie erfahren. Seit fast zwei Jahren beherrscht uns dieses Thema. Offensichtlich unfähig, das Virus in den Griff zu bekommen, torkelt die Politik von Fehlentscheidung zu Fehlentscheidung. Welche Hybris, anzunehmen, dass sich ein Virus auf die beabsichtige Weise in den Griff bekommen ließe (Schnupfen und Grippeviren legen Jahr für Jahr Menschen lahm und wir haben nichts, was wirklich dagegen hilft). Die dramatischen Folgen für die Wirtschaft, die furchtbaren psychischen Schäden durch das sogenannte „social distancing“ und die Dauerpanik, die gesundheitlichen Folgen von Corona-Erkrankungen oder auch Impfungen und eine gesamtgesellschaftliche Ermüdung bei diesem Thema. Das Schlimmste: Eine Lösung scheint nicht in Sicht. Versprechungen wurden rhythmisch von der Politik gemacht und wieder gebrochen. „Nur drei Wochen Lockdown…“, „Wenn wir einen Impfstoff haben, ist die Pandemie vorbei…“, „Wenn alle ein Impfangebot haben, werden alle Maßnahmen aufgehoben…“. Der Frust in der Bevölkerung braucht ein Ventil. Ein Sündenbock muss her. Die Ungeimpften.

Ging man anfänglich davon aus, dass sich die Bevölkerung auf die Impfungen stürzen würde, wie die Fliegen auf den Honigtopf, stellte sich nach wenigen Wochen heraus, dass es einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung gibt, der den neuen Vakzinen eher skeptisch gegenübersteht. Was solls, sollte man meinen, wenn sich jeder, der es möchte, impfen lassen konnte, kann man doch nun zur Normalität zurückkehren. So wie es viele andere Länder gemacht haben. Nicht so Deutschland. Argumente zählen längst nicht mehr. Dass aus der „Immunisierung“ ein Schutz vor Ansteckung und schließlich nur noch der Schutz vor einem schweren Verlauf wurde, dass sich zwischenzeitlich mehr als hunderttausend Geimpfte mit Corona infiziert haben und dass heute – im Oktober 2021 – die Inzidenzen bei einer guten Impfquote höher liegen, als vor einem Jahr (als noch niemand geimpft war) – niemand scheint es mehr zur Kenntnis nehmen zu wollen. Die drohende Überlastung des Gesundheitssystems, die es zu keinem Zeitpunkt gegeben hat, dient bis heute als Horrorkulisse. Dass die Quote der angeblich durch Impfung geschützten Menschen, die im Krankenhaus liegen, immer höher wird, dass man zwischenzeitlich sogar wieder darüber nachdenkt, Geimpfte zu testen – es wird nicht thematisiert. Thematisiert wird der Sündenbock: der Ungeimpfte. Wahrgenommen als unsolidarischer Sozialschädling, Schwurbler, Verschwörungstheoretiker. Man muss den Druck auf sie erhöhen, sie gesellschaftlich ausgrenzen, alles ist plötzlich denkbar. Das wirklich perfide ist: Corona wird so nicht verschwinden. Auch bei 100% Impfquote nicht. Auch Geimpfte können sich anstecken und das Virus weitergeben. Wir müssen damit leben.

Ich kann den Frust der Menschen gut verstehen. Viele stehen vor den Trümmern ihrer Existenz und haben keine Kraft mehr. Alle wünschen sich Normalität zurück. Entsetzlich finde ich nur, dass es nicht Wenige gibt, die sich nun zum willigen Helfer einer Politik machen, die auf Ausgrenzung und Diffamierung einer gesamten Bevölkerungsgruppe setzt. Da zeigt man gern schonmal den Nachbarn an, der eine „illegale“ Party feiert oder schickt die Polizei zu einem Kindergeburtstag. Man hat plötzlich kein Problem, wildfremde Menschen anzuschreien, weil sie keine Maske tragen, Firmeninhaber hängen Fotos der Ungeimpften aus, Freizeitparks vergeben farbige Bändchen. Noch schlimmer ist die Situation im Netz. 2G im Supermarkt? Prima, sollen sie doch hungern (können sich ja impfen lassen). Warum nicht gleich sie zu Hause abholen, in Lager sperren und zwangsimpfen? So und so ähnlich toben sich Geimpfte an den vermeintlich Schuldigen aus. Und kaum jemand widerspricht. Die einen nicht, weil sie zustimmen, die anderen nicht, weil sie Angst haben, selbst ins Visier zu geraten.

Mein Körper gehört mir! Ein Satz den vor Corona wohl jeder in Deutschland unterschrieben hätte. Warum nun Einige meinen, das Recht zu haben, über den Körper anderer Menschen entscheiden zu dürfen, ist nicht nachvollziehbar. Ich hoffe inständig für unser Land, dass eine Umkehr noch gelingt. Wir sind keine Feinde. Was jetzt an Vertrauen zerstört wird, wird viele Jahre nicht mehr heilen. Ein Ungeimpfter ist nur ein Mensch, der eine Entscheidung getroffen hat, die anders ist als die Entscheidung anderer. Nicht besser, nicht schlechter, nur anders. Wir werden uns brauchen, um die Folgen dieser Katastrophe zu bewältigen und wir sind aufeinander angewiesen. Wir sind immer noch Nachbarn, Kollegen, Vereinskameraden, Familien und Freunde. Das kann und darf nicht vom Impfstatus abhängen.

Wehret den Anfängen. Noch leben wir in einem demokratischen Land und so soll es bleiben. Wer unser Grundgesetz respektiert weiß, dass das, was aktuell mit Ungeimpften geschieht, nicht im Sinne desselben ist. Machen Sie nicht mit, bleiben Sie anständig.

Ein Gastbeitrag von Dana Guth. Sie ist Abgeordnete des Niedersächsischen Landtags für die LKR.


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