“Wild Ost”: Faktenbefreite Anti-Waffenbesitz-Agitation gegen Tschechien

Unser Nachbarland Tschechien hat seine Verfassung geändert, das Recht auf Waffenbesitz kann somit nicht mehr einfach durch den Gesetzgeber eingeschränkt oder gar verboten werden. Blaulichtblog berichtete dazu.

Natürlich war zu erwarten, dass diese tschechische Manifestation von Vertrauen des Gesetzgebers gegenüber der eigenen Bevölkerung sich in Deutschland alles andere als wohlwollend in der diesbezüglichen Berichterstattung niederschlägt. Das beste schlechte Beispiel dazu liefert Hans-Jörg Schmidt mit seinem Haltungs-Artikel “Wild Ost? Waffenbesitz jetzt in Tschechiens Verfassung”, der am 23.07.2021 von der “Sächsischen Zeitung” veröffentlicht wurde. (Paywall)

“Wild Ost”, schon diese wenig originelle Phrase in der Überschrift in Anlehnung an vermeintliche “Wild-West-Verhältnisse” ließ einen ziemlich dämlichen Artikel erwarten. Und, so viel sei vorweggenommen, man wurde nicht enttäuscht.

Da überraschte es schon, dass die Medien des Landes über die zweite Verfassungsänderung dieser Tage eher beiläufig berichteten: über das künftige Recht der Tschechen, sich in einer Notsituation letztlich auch mit einer Waffe zur Wehr zu setzen.

https://www.saechsische.de/tschechien/wild-ost-waffenbesitz-jetzt-in-tschechiens-verfassung-5491872-plus.html

Nein, Herr Schmidt. Auch bisher bestand das Recht “sich in einer Notsiutation letztlich auch mit einer Waffe zur Wehr zu setzen”. Das nennt sich “Notwehr” und gilt, ganz gemäß dem Grundsatz, dass Recht Unrecht nicht zu weichen braucht, genau so auch in Deutschland. Mit dem Unterschied, dass man in Tschechien rechtstreuen Bürgern das Selbstverteidigungsmittel “Schusswaffe” nun nicht mehr einfach per Gesetzesänderung mit einer knappen Mehrheit im Parlament verbieten kann. Im Gegensatz zu unseren politischen Entscheidungsträgern scheint man in Tschechien auch aus Fehlern anderer Staaten Lehren zu ziehen. Deshalb kommt man eben nicht auf die blöde Idee, ausgerechnet die gesetzestreuen Bürger zu entwaffnen, um in der Folge eine Verdopplung der Gewaltkriminalität zu erleben, wie das nach dem Kurzwaffenbann von 1997 in England passiert ist.

Vernarrtheit in Waffen will eigentlich so gar nicht zu den meist friedlichen Mitmenschen in meinem Berichtsland passen.

Klar. Ein entspanntes, pragmatisches Waffengesetz ist “Vernarrtheit in Waffen” und dies scheint, wenn man den zitierten Satz richtig interpretiert, grundsätzlich einem friedlichen Miteinander zu widersprechen. Wie müssten denn die “waffenvernarrten” Tschechen miteinander umgehen, um dem Narrativ des Herrn Schmidt zu entsprechen? Tägliche Massenschießereien mit Dutzenden Toten, weil friedliche, unbescholtene Tschechen Schusswaffen besitzen? Nach diesen Maßstäben müsste die Schweiz mit ihrer Jahrhunderte alten Waffentradition längst entvölkert sein.

Das genaue Gegenteil ist der Fall, Tschechien zählt, genau wie die Schweiz, zu den sichersten Ländern überhaupt. Weit vor Deutschland und England, mit ihren deutlich restriktiveren Waffengesetzen.

Aber Waffen? Nun, man irrt sich mitunter. So sind die Tschechen sehr passionierte Jäger. Deshalb können traurige aber irgendwie auch immer gern gelesene Nachrichten kaum verwundern: Darüber, dass mal wieder ein Jägerkollege tödlich getroffen worden sei, nachdem der Schütze ihn mit einer Wildsau verwechselt hätte. R.I.P.

Screenshot: https://www.saechsische.de/tschechien/wild-ost-waffenbesitz-jetzt-in-tschechiens-verfassung-5491872-plus.html

Ja, Sie haben richtig gelesen. Da steht wörtlich so im Artikel. Deshalb sicherheitshalber noch mal als Screenshot. Der Autor liest gerne Nachrichten über tödliche Jagdunfälle, bei denen das Opfer selbst Jäger war. Zynischer kann man seine, vermutlich, pathologische Hoplophobie nicht zum Ausdruck bringen…

Derzeit läuft in Tschechien eine Amnestie, bei der illegal gehaltene Schusswaffen und Munition straflos bei der Polizei abgegeben werden können. Die Polizisten staunen Bauklötzer, dass da auch Leute allen Ernstes illegale Panzer oder Flugabwehrgeschütze „anzeigen“. Die Waffen werden zunächst mit einer Datenbank abgeglichen, um festzustellen, ob sie gestohlen, bei einer Straftat verwendet oder als vermisst gemeldet wurden. Hat die Waffe alle Prüfungen bestanden, wird sie für „sauber“ erklärt und ihr bislang illegaler Besitzer kann entscheiden, was er damit machen möchte.

Der SZ-Autor scheint ja auch ganz schön Bauklötze zu stauen, wie pragmatisch und bürgerorientiert man eine Waffenamnestie durchführen kann, die tatsächlich am Ende zu weniger illegalen Schusswaffen und zu einer Erhöhung der inneren Sicherheit führt. Ganz im Gegensatz zu den “Waffenamnestien” in Deutschland, die vorwiegend dazu genutzt werden, ohnehin legal besessene bzw. frei erwerbbare Druckluft- oder Schreckschusspiffen kostenlos beim nächsten Polizeiposten zu entsorgen und sich so den Weg zum Schrottplatz zu sparen.

In Tschechien hat man dagegen einen vernünftigen Ansatz gewählt, in dem es durch die Amnestie möglich ist, eine bisher illegal besessene Waffe zu legalisieren. Dadurch verringert man zwar nicht die Anzahl der Schusswaffen im Volk, aber zum einen motiviert man mit der Option zur Legalisierung tatsächlich Besitzer illegaler Waffen, diese Amnestie zu nutzen. Eben weil, nicht wie in Deutschland, nur der Entzug und die anschließende Vernichtung der Waffen vorgesehen ist. Oder man gar für zurückgebrachte Munition auch noch bestraft wird, weil der dumme Ehrliche nicht wusste, dass die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen kann, was nicht unter die deutsche Version einer Waffenamnestie fällt.

Zum anderen, und das ist der unbestreitbare Vorteil der tschechischen Amnestievariante, entzieht man eine nun registrierte Waffe mit hoher Wahrscheinlichkeit fortan der Illegalität. Einmal registriert, ist ein verticken unter der Hand viel unwahrscheinlicher geworden, als wenn die Waffe weiterhin den Status “illegal” behält.

Unter den verschiedenen Möglichkeiten gibt es auch die, den legalen Besitz der Waffe zu beantragen. Einen Panzer T-34 oder ein Flugabwehrgeschütz hat nicht jeder hinter seiner Gartenhecke. Da hüpft das Sammlerherz schon mal höher.

Wenn Jahre oder gar Jahrzehnte in der Illegalität mit den Dingern nichts angestellt wurde, warum sollten die eigentlich ausgerechnet nach einer Legalisierung ein Problem darstellen? Die Antwort kennt vermutlich nur Hans-Jörg Schmidt…

Als die EU vor Jahren nach Terroranschlägen in Frankreich bestimmte Waffen verbieten wollte, liefen die Tschechen Sturm. Der damalige Innenminister Milan Chovanec argumentierte damit, dass sich die „Sicherheitslage in Europa verschlechtert hat“, vor allem durch die vielen illegalen Muslime, – von denen es jedoch speziell in Tschechien überhaupt keine gab. Er wolle da gegensteuern und die 290.000 Waffenbesitzer in seinem Land per Verfassungsänderung zu „Garanten der Landessicherheit“ umfunktionieren. Private Waffenträger könnten „effektiver für Ordnung sorgen, als die meist zu spät eintreffende Polizei“. Sagte ausgerechnet der Minister, der für die Polizei zuständig war.

Die Friedhöfe sind voll von Opfern, bei denen die Polizei eben nicht rechtzeitig da war, um Mord und Totschlag zu verhindern. Umstehende sind unbewaffnet bestenfalls anschließend Zeugen, bewaffnet wären es im Idealfall “first responder”. Von daher beschrieb “ausgerechnet der Minister, der für die Polizei zuständig war” nichts anderes, als die schnöde, aber deutschen Haltungsjournalisten oft gegen die Hutschnur gehende Lebenswirklichkeit.

Gegner von Wild Ost beklagen, dass sie letztlich von der Waffenlobby niedergerungen wurden. Die ist groß in Tschechien. Schon Hitlers Waffenschmieden standen hier. Heute ist das Land ein bedeutender Exporteur von Kleinwaffen. Die tschechische CZG-Gruppe übernahm jüngst den traditionsreichen US-Konkurrenten Colt.

Wow. Das muss man erst mal schaffen: Die böse “Waffenlobby” verdammen, weil die für mehr Bürgerrechte in der Verfassung gekämpft hat und anschließend irgendwie suggerieren, dass ja “Waffenlobby” voll Nazi sein muss. Schließlich “standen schon Hitlers Waffenschmieden hier”! Klar, wenn man ein Land besetzt und dessen Industriebetriebe dann zwingt, für die Armee des Besatzers Waffen und andere Rüstungsgüter zu produzieren, dann ist das natürlich den Besetzten anzukreiden.

Wie absurd diese Unterstellung ist, dazu bedarf es keines tiefgehenden Fachwissens, dazu reichte ein Blick in Wikipedia:

Nach Hitlers Machtergreifung beschloss das tschechoslowakische Verteidigungsministerium, die grenznahen Rüstungsbetriebe in östliche Gebiete umzusiedeln. Dieses Vorhaben wurde auch der Waffenfabrik Česká zbrojovka in Strakonice unterbreitet, die ein Gelände in Uherský Brod kaufte; am 28. Juli 1936 wurde der erste Spatenstich gemacht, Ende November 1936 wurde der Bau beendet, am 1. Februar 1937 die Produktion aufgenommen. Als Gründungstag wird der 27. Juli 1936 genannt.[2][3][4][Anm. 1]

https://de.wikipedia.org/wiki/%C4%8Cesk%C3%A1_zbrojovka_(Uhersk%C3%BD_Brod)

Scheinbar konnten “Hitlers Waffenschmieden” es kaum erwarten, “Hitlers Waffenschmieden” zu werden…

Bei Themen mit Waffenbezug knallen aber bei manchen Redakteuren alle Sicherungen durch und so wird eben eine schlichte dpa-Meldung durch viel Meinung und noch mehr Haltung zu einem Paradebeispiel des daniederliegenden deutschen “Qualitätsjournalismus” aufgeblasen, für das sich der Autor in Grund und Boden schämen sollte.

Falls sich jemand fragen sollte, warum gerade in Sachsen der Begriff der “Lügenpresse” so populär ist: Genau deshalb.

Titelfoto: Screenshot https://www.saechsische.de/tschechien/wild-ost-waffenbesitz-jetzt-in-tschechiens-verfassung-5491872-plus.html


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Über den Autor

Benedikt Krainz
Boomer, Sportschütze, Blogger, Hobby-Waffenlobby-Aktivist. Staatlich regelmäßig überprüft hinsichtlich Zuverlässigkeit, persönlicher Eignung und neuerdings Verfassungstreue.

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