Willkommene Anlässe für Waffenrechtsverschärfungen: Der Amoklauf von Erfurt

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Am 26. April 2002 kam es im Gutenberg-Gymnasium Erfurt zum spektakulärsten Massenmord an einer deutschen Schule seit dem Angriff auf die Katholische Volksschule in Köln-Volkhofen, der sich am 11. Juni 1964 ereignete und zehn Todesopfer forderte.

Der Täter von Erfurt war ein 19-jähriger Schulabbrecher, der seine waffenrechtlichen Erlaubnisse für die später bei der Bluttat genutzten Schusswaffen zumindest auf äußerst fragwürdigem Weg erlangte. Dies ist dem Untersuchungsbericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium des Landes Thüringen zu entnehmen. Dieser legt auch dar, dass bei korrekter Anwendung des damals geltenden Waffengesetzes dem späteren Täter bereits ein halbes Jahr vor dem Amoklauf die waffenrechtliche Zuverlässigkeit abgesprochen und die entsprechenden Erlaubnisse hätten widerrufen werden können:

Trotz der Tatsache, dass Robert S. am 18.10.2001 eine Glock 17 gekauft hat, eine entsprechende Verkaufsanzeige lag seit dem 23.10.2001 dem Ordnungsamt der Stadt Erfurt vor, erfolgte zu keinem Zeitpunkt irgendeine Reaktion oder gar die Ahndung der in der Nichtanzeige fraglos liegenden Ordnungswidrigkeit. Das ist insofern von Bedeutung, als durch die Aufarbeitung der angeschnittenen Probleme u. U. Zweifel an der waffenrechtlichen Zuverlässigkeit des Robert S. deutlich geworden wären, die zu einem Widerruf der Erteilung der Waffenbesitzkarte hätte führen können. Das um so mehr, als bei entsprechenden Nachfragen aufgefallen wäre, dass Herr S. den Kauf der PA-Flinte auch nicht angezeigt hat.

Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium des Landes Thüringen, Seite 317 f, http://apps.thueringen.de/de/publikationen/pic/pubdownload1488.pdf

Stellen wir also fest, dass ein Vollzug des damals geltenden Waffenrechts mit hoher Wahrscheinlichkeit geeignet gewesen wäre, den späteren Täter im Vorfeld zu entwaffnen. Ob dies angesichts der Verfügbarkeit an illegalen Schusswaffen die Tatbegehung an sich verhindert hätte, darf angezweifelt werden, schließlich finden ohnehin fast alle Tötungsdelikte ohne das Tatmittel “legale Schusswaffe” statt.

Doch der durch die Massenmedien befeuerte öffentliche Druck zeigte Wirkung und der Gesetzgeber sah sich genötigt, das Waffengesetz zu verschärfen. Man musste irgendetwas tun, schließlich hatte sich ein zu einer schweren Straftat entschlossener Täter über mehrere Gesetze hinweggesetzt und so etwas kann eine Regierung nicht tatenlos hinnehmen. Also braucht man noch mehr Gesetze und man sinnierte, wie man so eine Tat wie in Erfurt in Zukunft verhindern könne. Die Schuldigen hatte man schnell auserkoren: Böse Killerspiele und böse Schützenvereine mit bösen Waffen.

Flugs beschloss man, das Mindestalter für den Erwerb von Schusswaffen auf 18 Jahre hochzusetzen und den Erwerb großkalibriger Schusswaffen mit Ausnahme von Einzellader-Flinten auf 21. Wer zwar über 21 aber unter 25 Jahre alt ist und mit einer eigenen großkalibrigen Kurzwaffe Schießsport betreiben möchte, muss zur medizinisch-psychologischen Untersuchung. Kinder dürfen nun erst ab zwölf Jahren mit Druckluftwaffen an den Schießsport herangeführt werden, für das Schießen mit Kleinkaliberwaffen gilt ein Mindestalter von 14 Jahren. Und weil der Täter bei der Tatbegehung eine Vorderschaftrepetierflinte mit sich führte, packte man gleich die Gelegenheit beim Schopf und hat diese “Pumpguns” verboten, sofern sie statt eines Hinterschafts nur über einen Pistolengriff verfügen. Inwieweit solche kurzen Vorderschaftrepetierer mit Pistolengriff tatsächlich deliktisch problematisch waren, darüber liegen dem Verfasser leider keine Erkenntnisse vor. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass deren besondere “Gefährlichkeit”, genau wie die von im gleichen Atemzug verbotenen Butterflymessern und Wurfsternen, eher auf deren übermäßige Verwendung und völlig unrealistischen Darstellung in dümmlichen US-Actionfilmen der 80er und 90er Jahre entspringt und von Ministerialbürokraten für bare Münze genommen wurde.

Völlig fantasielos hatte man die Waffenrechtsänderung genau so gestrickt, als hätte nur eine fehlende Alters- bzw. Kaliberbegrenzung die Tat begünstigt und nicht der feste Tatvorsatz des Amokläufers. Ein spektakulärer Einzelfall soll sich in Zukunft nicht genau so wiederholen, eine einmalige Fallkonstellation, die sich auch ohne Waffenrechtsverschärfung so vermutlich niemals wieder zugetragen hätte, soll per Gesetz verboten werden.

Immerhin hat seit “Erfurt” kein 19-Jähriger Schulabbrecher mit Hang zum Fälschen von Formularen und waffenrechtlichen Dokumenten einen Amoklauf an einem Gymnasium durchgeführt. Allerdings ist dies auch in den Jahrzehnten vor dieser “Lex S.” nicht geschehen. Weil es eben nicht an Gesetzen mangelt, sondern zum Glück an zum Massenmord bereiten Zeitgenossen. Diese töten und morden aber völlig unabhängig davon, wie streng ein Waffengesetz verfasst ist. Sie ignorieren bewusst das Strafgesetzbuch, das bei Mord eine lebenslange Freiheitsstrafe vorsieht. Wer dies in Kauf nimmt, der wird auch nicht wegen eines vielleicht zu begehenden Waffenrechtsverstoßes unter Gewissensbissen leiden und deshalb von seiner geplanten Tat absehen.

Sieben Jahre später offenbarte sich dann in Winnenden erneut, dass das Waffengesetz nicht zur Verhinderung von vorsätzlich begangenen Tötungsdelikten taugt. Ein 17-Jähriger mit einer Tatwaffe in einem Kaliber, die er legal frühestens mit 21 Jahren hätte selbst erwerben können. Doch das ist eine andere Geschichte.


Hinweis: Im Originalbericht des Untersuchungsberichts wird der volle Name des Täters genannt. Gemäß der Maxime “Remember the Hero, not the Zero” werden vom Verfasser des Artikels grundsätzlich keine Täternamen genannt.


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Über den Autor

Benedikt Krainz
Boomer, Sportschütze, Blogger, Hobby-Waffenlobby-Aktivist. Staatlich regelmäßig überprüft hinsichtlich Zuverlässigkeit, persönlicher Eignung und neuerdings Verfassungstreue.

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