Wortgeschwurbel für Fortgeschrittene – Heute: Armin Laschets „Brücken-Lockdown“

Kennen Sie das Gesellschaftsspiel „Tabu“? In diesem müssen Begriffe erklärt werden, wobei bestimmte Wörter, die zur Erklärung besonders leicht in den Sinn kommen, vermieden werden. Stattdessen nutzt man zum Erklären Umwege und Ersatzbegriffe. In der Politik läuft es ähnlich. Auch hier werden gerne Umschreibungen gewählt. Das, was einem eigentlich in den Sinn kommt, wird nicht ausgesprochen. Bestimmte Begriffe sind auch hier gewissermaßen „tabu“, könnten sie doch dazu führen, dass die Bevölkerung auf – aus politischer Sicht – falsche Gedanken kommt. Ob es für politische Verantwortungsträger das Seminar „Euphemismen für Fortgeschrittene“ gibt oder ob man die Fähigkeit zu verschwurbelten Formulierungen schon vorher mitbringen muss, muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

Die neuste Wortkarte auf dem politischen Tabu-Stapel lautet „Dauerlockdown“. Statt den inzwischen mehr als fünf Monate währenden „Dauerlockdown“ als „Dauerlockdown“ zu beschreiben (mit aller Tragweite, die dieser Begriff mit sich bringt), hat sich CDU-Parteichef Laschet für die nächste Lockdown-Etappe etwas ganz Besonderes überlegt: Den Begriff „Brücken-Lockdown“. Klingt das nicht schön? Der CDU-Chef baut uns eine Brücke. Brückenbauer sind schließlich angesehen. Wer eine Brücke baut, versöhnt umgangssprachlich kontroverse Positionen. Brückenbauer schaffen Lösungen. Diese Brücke ist allerdings keine, die etwas versöhnt. Ob sie Lösungen schafft, darf ebenfalls bezweifelt werden. Laschets Vorschlag ist, dass noch härtere Einschränkungen die Zeit „überbrücken“ sollen, bis ausreichend Menschen geimpft sind. Die Betonung in diesem Satz liegt nach meiner Wahrnehmung allerdings weniger auf dem „Überbrücken“ und eher auf dem „noch härter“.

Nun sind wir Lockdown-Begriffsgeschwurbel ja durchaus gewohnt. Angela Merkels „Lockdown Light“ war bereits ein Euphemismus, wobei er wenigstens noch seine Berechtigung hatte, eine stufenweise Abgrenzung zum „harten Lockdown“ zum Ausdruck zu bringen. Schwieriger wurde es bereits mit dem Begriff „Wellenbrecher-Lockdown“. Der sollte im November eine befristete Schließung zahlreicher Einrichtungen beschreiben, womit die steigenden Inzidenzzahlen (interpretiert als Welle) gebrochen werden sollten. Die Welle wurde jedoch nicht gebrochen und seither surfen wir auf dem harten Lockdown-Surfbrett, das Salzwasser fehlender Freiheit mitten im Gesicht.

„Lockdown-Light“, „harter Lockdown“, „Wellenbrecher-Lockdown”, “Brücken-Lockdown”… Ich fühle mich bei diesen Wortwendungen verschaukelt. Vielleicht drehen wir einmal das „Tabu“-Prinzip und sagen den Menschen endlich, was Sache ist. Sache ist: Die Regierung sagt uns nicht, wie lange sie den ständig verlängerten Lockdown noch weiterverlängern will.

Sprache verändert sich, ein völlig normaler Entwicklungsvorgang. Junge Generationen schaffen neue Begrifflichkeiten, die ihre eigene Welt – in gesunder Abgrenzung von den Älteren – beschreiben. Die heutige Jugend bekommt allerdings ein Wörterbuch mit auf den Weg, das nicht die gleichen Emotionen wecken wird, wie es in meiner Generation passiert, wenn jemand zum Beispiel „das fetzt“ sagt. Sofort ist ein Lächeln da und Erinnerungen. An eine gute Zeit. Unsere Jugendlichen haben schon heute einen Blumenstrauß an Begriffen, der sich mehr nach Krankenhaus als nach einer „geilen Zeit“ anhört. Anstandsregeln, Alltagsmaske, Social Distancing… Welle, Inzidenzwert, R-Faktor, Vakzin, Mortalität. Aus: „Weißt Du noch? Damals in der Disco…“ wird für diese Generation, „Weißt Du noch, damals im Lockdown…“ Rückfrage: „In welchem? Im Lockdown, Lockdown Light, Wellenbrecher Lockdown oder Brücken-Lockdown?“ 

Eine alte Indianerweisheit lautet: „Wenn Du erkennst, dass Du ein totes Pferd reitest – steig ab.“ Eine neue Politikweisheit scheint zu lauten: „Wenn Du erkennst, dass Du ein totes Pferd reitest – gib ihm einen anderen Namen.“  Wenn man in der Politik bei der Entwicklung von Strategien ebenso kreativ wäre, wie die Folgen des eigenen Versagens ständig mit neuen Worthülsen zu verbrämen, würden wir wahrscheinlich schon wieder alle zusammen im Straßencafé sitzen. 

Ein Gastbeitrag von Dana Guth. Sie ist Abgeordnete des Niedersächsischen Landtags für die LKR.


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